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Aus: Ausgabe vom 08.01.2026, Seite 9 / Schwerpunkt
Jemen

Neuer Machtkampf um Jemen

Von Saudi-Arabien gestützte Regierungskräfte gewinnen Oberhand über Separatisten im Süden, Vereinigte Arabische Emirate ziehen Truppen ab. Gespräche zwischen beiden Konfliktparteien in Riad geplant
Von Salim Nasereddeen
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Angriff der Regierungskräfte auf die von den Separatisten kontrollierte Hafenstadt Mukalla (30.12.2025)

Nach über zehn Jahren Krieg steht Jemen Anfang 2026 an einem Wendepunkt. Der Konflikt, der 2014 mit der Übernahme der Hauptstadt Sanaa durch die Rebellen der Ansarollah (»Huthi«) eine neue Dynamik gewann, ist seit 2015 durch eine von Saudi-Arabien angeführte Militärintervention zu einem Stellvertreterkrieg geworden. Er hat das Land politisch fragmentiert und die Bevölkerung in eine der aktuell schlimmsten humanitären Krisen der Welt gestürzt. Mehr als zwei Drittel der etwa 32 Millionen Jemeniten sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, rund 4,5 Millionen wurden innerhalb des Landes vertrieben. Ab 2022 blieben die Kampfhandlungen begrenzt, und die Frontlinien zwischen den Konfliktparteien schienen eingefroren. Doch Ende 2025 haben sich die Machtverhältnisse erneut verschoben – verbunden mit der Gefahr einer Eskalation auf mehreren Ebenen und wachsenden Spannungen zwischen den zuvor im Konflikt verbündeten Regionalmächten Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE).

Nach der Offensive des separatistischen, im wesentlichen von den VAE unterstützten Südlichen Übergangsrates (STC) im Dezember zeichnete sich ein Bruch der Anti-Ansarollah-Koalition ab. Diese bestand aus dem von Saudi-Arabien unterstützten Präsidialen Führungsrat (PLC), der von der UNO und vielen Staaten als legitime Regierung Jemens anerkannt wird, und dem STC. Im Zuge der Offensive hatten die Separatisten ihren Koalitionspartner aus mehreren Gebieten im Südosten verdrängt. Er kontrollierte damit faktisch das gesamte Territorium der ehemaligen Republik Südjemen. Zentrum des STC-Gebiets ist die Hafenstadt Aden – bis vor kurzem Sitz des Präsidialen Führungsrates.

Während die Ansarollah im Nordjemen de facto regieren und damit die Koalition als gemeinsamen Gegner überhaupt erst zusammenbrachten, beansprucht der PLC die staatliche Legitimität über den gesamten Jemen. Der STC hingegen verfolgt das Ziel eines eigenen Staates und war nur taktisch mit den Regierungskräften verbunden.

Saudi-Arabien, das die »Anti-Huthi-Koalition« initiiert hatte, verurteilte die jüngste Offensive der Separatisten, forderte deren Truppen zum Rückzug auf und kündigte die Koalition auch formell auf. Seit Ende Dezember flog die saudische Luftwaffe dann Angriffe, zuerst auf die Hafenstadt Mukalla in der Provinz Hadramaut. Ziel waren offenbar Waffenlieferungen aus den Emiraten für den STC. In der Folge kamen die VAE der Forderung nach, eigene Truppen aus dem Land abzuziehen. Seit Freitag gewinnen die Regierungskräfte zudem rasch an Boden und haben so die Offensive der Separatisten weitestgehend rückgängig gemacht. In einem Statement forderte der STC regionale und internationale Akteure zu einem Eingreifen gegen die »saudisch-gestützte militärische Eskalation« auf, wie Reuters berichtete. Islamisten des PLC hätten auch Zivilisten angegriffen, hieß es weiter. Zudem haben die Separatisten angekündigt, innerhalb von zwei Jahren ein Referendum zur Abspaltung des von ihnen kontrollierten Gebietes abhalten zu wollen.

Militärisch zurückgedrängt, reagierte der Übergangsrat am Sonnabend allerdings positiv auf das Angebot von Regierungskräften zu einem Dialog in Riad. Anführer Aidarus ­Al-Subaidi wurde am Dienstag abend in der saudischen Hauptstadt erwartet. Jedoch trat er die Reise einem STC-Vertreter zufolge nicht an, nachdem er erfahren habe, dass er zur Auflösung seiner Truppen aufgerufen werden sollte. Die Delegation reiste demnach ohne ihn nach Riad – Al-Subaidi sei »an einen unbekannten Ort« geflohen, sagte ein PLC-Sprecher. Daraufhin flogen die Regierungskräfte am Mittwoch morgen Luftangriffe auf dessen Hochburg Dhale. Dabei wurden vier Zivilisten getötet und sechs weitere verletzt, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete. Außerdem verwies ihn der PLC wegen »Hochverrats« an den Generalstaatsanwalt. ­Al-Dschasira berichtete unter Berufung auf einen Berater der Regierungskräfte, dass Al-Subaidi die militärische Führung bereits übergeben habe.

Die jüngsten Entwicklungen in Jemen zeigen, dass Riad und Abu Dhabi bezüglich der angestrebten Ordnung in der Region in wesentlichen Punkten über Kreuz liegen. So sieht Saudi-Arabien offenbar keinen gangbaren Weg, die Ansarollah, die von seinem Rivalen Iran gestützt werden, zu beseitigen. Es zeigte sich daher zu Verhandlungen mit der Regierung in Sanaa bereit. Für Riad steht im Vordergrund, halbwegs stabile Verhältnisse an der eigenen Landesgrenze zu schaffen und den iranischen Einfluss möglichst einzudämmen. Das Nachbarland Oman hat sich als neutraler Vermittler angeboten, um eine Annäherung zwischen Ansarollah und dem PLC zu erreichen.

Abu Dhabi verfolgt im Kontrast dazu eine wesentlich aggressivere Geostrategie. Das Vorrücken des STC mit emiratischer Unterstützung sabotierte dementsprechend die saudischen ­diplomatischen Bemühungen. Durch die Kontrolle wichtiger Seehäfen und Küstenrouten am Golf von Aden und am Roten Meer wollen sich die Emirate als maritime Handels- und Militärmacht etablieren. Diese Ambitionen reichen bis auf den afrikanischen Kontinent. In Libyen, Somalia und im Sudan fördern die Emirate separatistische Kräfte wie die massenmordenden Rapid Support Forces (RSF) oder das bisher nur von Israel offiziell anerkannte Somaliland. Sie sichern sich so Zugang zu Handelswegen, Märkten und Ressourcen wie Gold und Öl.

Für Jemen und die Region stehen damit zwei zentrale Fragen im Raum: Wird sich das Land dauerhaft spalten, wenn der STC einen eigenen »Staat Südarabien« ausruft? Und könnte der eskalierende Machtkampf zwischen Saudi-Arabien und den Emiraten zu einer Ausweitung des Kriegs führen – mit unüberschaubaren Folgen für die Rotmeerregion und ganz Westasien? Andererseits könnten die Gespräche in Riad und die augenscheinliche Entmachtung des bisherigen STC-Führers Al-Subaidi auch eine Entspannung der Situation bedeuten.

Hintergrund: Die Bedeutung von Somaliland

Israel hat am 26. Dezember 2025 als erstes UN-Mitglied offiziell die autonome Region Somaliland im Norden Somalias als unabhängigen Staat anerkannt. Im Kontext der aktuellen Umbrüche in der Region versuchen zahlreiche internationale und regionale Mächte, ihre Einflusssphären in der strategischen Rotmeerregion auszubauen.

Besonders die Kontrolle der Meerenge Bab Al-Mandab nahe der Küste Somalilands – zwischen Rotem Meer und Indischem Ozean – spielt eine Schlüsselrolle. Über diesen Seeweg werden rund zwölf Prozent des weltweiten Handelsvolumens transportiert, darunter enorme Öl- und Gütermengen. Der strategische Wert Somalilands und der benachbarten Gebiete wird damit deutlich. Das abtrünnige Gebiet verfügt über rund 740 Kilometer Küste am Golf von Aden mit eigener Verwaltung und unterhält bereits seit den 2010er Jahren eigenständige Beziehungen zu Ländern wie Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) sowie zu Taiwan.

Israelis Premier Benjamin Netanjahu hat den international und auf dem afrikanischen Kontinent weitgehend abgelehnten Schritt der Anerkennung Somalilands ausdrücklich in den Kontext der »Abraham-Abkommen« gestellt. Initiiert in der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump, hat Tel Aviv seine Beziehungen zu islamischen Staaten wie den Emiraten, Bahrain sowie Marokko seit 2020 »normalisiert«. Die De-Facto-Regierung in Hargeysa hat ebenfalls Interesse bekundet und zurückgewiesen, dass die Anerkennung Somalilands an die Zustimmung, Palästinenser aus dem Gazastreifen aufzunehmen, geknüpft gewesen sei.

Auch die Emirate sind seit Jahren in dem Gebiet präsent, ohne jedoch bisher den Schritt der Anerkennung gegangen zu sein. Gemeinsam blicken Israel und die VAE auf das Horn von Afrika als einen entscheidenden Posten, um weiter Druck gegen die Ansarollah im Jemen auszuüben und den Einfluss Irans zurückzudrängen. Durch eine faktische Seeblockade hatten die Ansarollah in Reaktion auf den Genozid in Gaza den Warenverkehr am Bab Al-Mandab enorm eingeschränkt und auch mehrere Luftangriffe gegen israelische Ziele durchgeführt.

Saudi-Arabien hingegen hat in Übereinstimmung mit anderen arabischen und afrikanischen Staaten den Schritt Israels verurteilt und betrachtet eine weitere Zersplitterung und Destabilisierung Somalias als schädlich für seine Interessen. (sn)

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