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Brasilien

Lula siegt nach Aufholjagd

Brasiliens Sozialdemokratie feiert historische Wahl. Vormarsch der extremen Rechten in Lateinamerika vorerst gestoppt. Flávio Bolsonaro erkennt Ergebnis nicht an

Foto: iego Herculano/REUTERS
Das »L« steht für Lula: Anhänger des Sozialdemokraten feiern dessen Wahlsieg (Brasília, 25.10.2026)

Auf den letzten Metern hat der passionierte Läufer Luiz Inácio Lula da Silva noch einmal zum Sprint angesetzt. Mehr als zehn Millionen Stimmen gewann der 80jährige Sozialdemokrat im Vergleich zur ersten Wahlrunde Anfang Oktober hinzu und sicherte sich so einen historischen Wahlsieg gegen Flávio Bolsonaro. Noch nie zuvor konnte ein Kandidat, der die erste Runde verlor, die Stichwahl zum brasilianischen Präsidentenamt gewinnen. In der Nacht zu Montag (Ortszeit) erklärte das Oberste Wahlgericht Lula mit 51,8 Prozent der Stimmen – 4,4 Millionen mehr als Bolsonaro – zum Wahlsieger.

Daraufhin füllten sich die Straßen Rio de Janeiros und anderer Städte mit Anhängern Lulas, und es begann ein großes Volksfest bis tief in die Nacht. Der Gewinner trat vor die Kameras und betonte, Brasilien sei »niemandes Hinterhof« – man habe eine Einmischung von außen abwehren können. Zudem kündigte er eine Regulierung von Digitalkonzernen an, nachdem er im Wahlkampf vom US-Unternehmen Meta, dem unter anderem Facebook und Instagram gehören, benachteiligt worden war.

Während Staatschefs aus aller Welt, darunter aus Mexiko, China, Russland und der EU, Lula gratulierten, erklärte Bolsonaro, dass er das Ergebnis nicht anerkennen werde: In einer knapp dreiminütigen Rede nannte der sichtlich frustrierte Sohn des inhaftierten Expräsidenten Jair Bolsonaro die landesweite Verlängerung der Stimmabgabe um zwei Stunden durch den Obersten Gerichtshof einen »schmutzigen Trick« und verlangte die Annullierung der Wahl. Dabei hatte auch Bolsonaros Wahlkampagne eine Verlängerung wegen starker Regenfälle und Überschwemmungen beantragt – jedoch nur in Bundesstaaten, in denen der ultrarechte Kandidat in der ersten Wahlrunde deutlich vorne lag.

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Dass Lulas Team beantragte, die Wahllokale länger offen zu lassen, hatte einen anderen Grund: Berichten zufolge versuchten Bolsonaro nahestehende Politiker etwa in den Städten São Paulo und Salvador die Wahl zu beeinflussen, indem sie den öffentlichen Nahverkehr in den Stimmenhochburgen von Lula sabotierten. In Salvador ergab eine Prüfung, dass 75 Busse in den Depots geblieben waren. Das Wahlgericht ließ den Mobilitätssekretär der Stadt verhaften, und das Oberste Gericht stimmte Lulas Antrag zu. Auch weil der verantwortliche Richter Cristiano Zanin früher als Anwalt für Lula tätig war, wirft das Bolsonaro-Lager ihm nun Wahlmanipulation vor.

Die Aufholjagd Lulas hatte sich bereits am Sonnabend abgezeichnet. Der Sozialdemokrat, der nun seine vierte Amtszeit antreten wird, mobilisierte Millionen Menschen an der Copacabana in Rio de Janeiro und später auf der Avenida Paulista in São Paulo. Mit Landesfahne und der Verfassung in der Hand präsentierte sich der Präsident als Verteidiger der nationalen Souveränität – Bolsonaro hatte immer wieder zu erkennen gegeben, sich im Falle eines Wahlsiegs den USA annähern und von China distanzieren zu wollen.

Mit dem brasilianischen Wahlergebnis konnte die Siegesserie der extremen Rechten in Lateinamerika nun gestoppt werden. Die mittlerweile achtgrößte Volkswirtschaft der Welt wird weiter sozialdemokratisch regiert. Neben Umweltschutz – Lula konnte die Abholzung des Amazonasregenwalds, die unter Jair Bolsonaro dramatisch gestiegen war, eindämmen – ist damit auch die Verteidigung der Würde von Arbeitern verbunden: Beim letzten TV-Duell am Freitag machte Flávio Bolsonaro eine abfällige Bemerkung darüber, dass sein Kontrahent nur noch neun Finger hat. Bei einem Arbeitsunfall hatte der frühere Schlosser Lula, der aus einer mittellosen Bauernfamilie stammt, in der Jugend einen kleinen Finger verloren. Der ehemalige Gewerkschaftsführer wies den Spott zurück: Auf diese Weise lasse er sich nicht beleidigen. Am Ende der Fernsehdebatte rief Lula zur Verteidigung der Demokratie auf – Bolsonaro hatte die Wähler angehalten, vor der Stimmabgabe ein Vaterunser zu beten.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.10.2026, Seite 1, Titel

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