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Brasilien

Hinterhof oder Handelsmacht

Brasilien: Die Stichwahl um das Präsidentenamt entscheidet auch darüber, ob das Land künftig souverän auftritt oder sich den USA unterordnet

Foto: Anadolu Agency/IMAGO
Wird sich Brasiliens Staatschef mit seinem unabhängigen Kurs noch einmal durchsetzen können? (Brasília, 9.10.2026)

Zuletzt wurde noch einmal ordentlich mobilisiert, auf beiden Seiten: Massenkundgebungen färbten die Straßen in Brasilien mal rot, mal gelb. Selbst zu einer Fernsehdebatte erklärten sich die Präsidentschaftskandidaten eine Woche vor der Stichwahl bereit. Abgesehen von unflätigen Beleidigungen und mancher komischen Szene hatte diese allerdings wenig zu bieten. Vor der Wahl am Sonntag, in der die Brasilianer darüber abstimmen, ob Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva ein viertes Mal Staatschef wird oder aber der Ultrarechte Flávio Bolsonaro ans Ruder gelassen wird, herrscht vor allem Anspannung.

Streitpunkt China

Kein Wunder, sehen die Umfragen doch ein knappes Ergebnis voraus. Die erste Runde hatte überraschend Bolsonaro jr. für sich entschieden. Mit mehr als 47 Prozent der abgegebenen Stimmen lag er knapp zwei Prozentpunkte vor Lula. Da sich die ausgeschiedenen Kandidaten, von denen keiner über drei Prozent kam, mehrheitlich für ihn ausgesprochen haben, stehen die Chancen des Sohns von Expräsident Jair Bolsonaro gut – auch wenn manche Umfragen ein technisches Patt vorhersagen.

Auch im Ausland blicken viele aufmerksam auf die Wahl. Im bevölkerungsreichsten Land Südamerikas droht sich der Rechtsruck fortzusetzen, der Lateinamerika zuletzt erfasst hat. Allein 2025 eroberten Ultrarechte Chile, Bolivien und Honduras von linken und sozialdemokratischen Regierungen zurück. Im Juni kam mit Kolumbien ein weiteres Schwergewicht der Region hinzu – dort regiert seit etwas mehr als zwei Monaten Abelardo de la Espriella. Setzt sich am Sonntag Flávio Bolsonaro durch, würde auch das wirtschaftsstärkste Land Lateinamerikas rechts regiert. Seit 2026 gehört Brasilien zu den zehn größten Volkswirtschaften der Welt. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) rückt es im kommenden Jahr gar auf Platz acht vor.

Einen großen Anteil daran hat China. Die Volksrepublik ist seit 2009 wichtigster Handelspartner Brasiliens. Im vergangenen Jahr erreichte das Handelsvolumen mit 171 Milliarden US-Dollar einen Rekordwert – ein Plus von mehr als acht Prozent gegenüber 2024. Immer öfter wird dabei auch der US-Dollar als internationales Zahlungsmittel umgangen, und die eigenen Währungen werden genutzt. Besonders die Ölexporte nach China legten in den ersten neun Monaten dieses Jahres zu, auch wegen des Krieges im Iran: Gut die Hälfte des brasilianischen Rohöls ging in die Volksrepublik.

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In der Vergangenheit hatte Flávio Bolsonaro erklärt, die engen Beziehungen zu China im Falle eines Wahlsieges in Frage zu stellen. Zu den ersten Amtshandlungen solle auch eine Überprüfung des BRICS-Verbleibs gehören, da der Staatenbund nur dazu diene, die USA zu provozieren. Nach seinem Erfolg in der ersten Runde allerdings mäßigte er den Ton. Bei einem Event in der Hauptstadt Brasília sagte er, er werde sich »nicht auf eine Seite stellen«. »Ich stehe an der Seite des brasilianischen Volkes, egal, ob es um China, Israel, den Nahen Osten, Argentinien oder Indien geht«, zitierte ihn die South China Morning Post.

Eine 180-Grad-Wende weg von China ist angesichts der Bedeutung der Volksrepublik tatsächlich unwahrscheinlich. Bereits Flávios Vater Jair Bolsonaro rückte während seiner Amtszeit (2019–2023) schnell von solchen Plänen ab. Doch selbst mit gebundenen Händen würde ein Präsident Bolsonaro jr. die souveräne Außen- und Handelspolitik der Jahre unter Lula beenden. In seinen bislang drei Amtszeiten hat der Sozialdemokrat die Beziehungen zu China stets ausgebaut und auch den Handel mit anderen Teilen der Welt diversifiziert.

Störmanöver aus USA

Dabei geriet er zuletzt immer wieder auch mit US-Präsident Donald Trump aneinander, der besonders in seiner zweiten Amtszeit seit 2025 aggressiv versucht, Washingtons Einfluss in Lateinamerika wiederherzustellen. In der Nationalen Sicherheitsstrategie von Ende 2025 heißt es, die Region solle alleinige Einflusssphäre der USA sein. Dafür müssten »feindliche ausländische Mächte«, allen voran China, hinausgedrängt werden. Die Trump-Regierung setzt dafür auf – teils militärischen – Druck auf Gegner, Unterstützung für Verbündete und direkte Einmischung in demokratische Prozesse.

Vergangene Woche reichte Lulas Team beim Obersten Wahlgericht eine Beschwerde gegen den US-Technologiekonzern Meta ein. Der Vorwurf: Das Unternehmen, dem unter anderem Facebook und Instagram gehören, soll die Reichweite von Beiträgen von Lulas Wahlkampagne einschränken und die seines Widersachers unverhältnismäßig stark verbreiten. Öffentlich hält sich Trump jedoch aus dem brasilianischen Wahlkampf bislang auffällig heraus. Den Erfolg Bolsonaros in der ersten Runde nannte er zwar »großartig« und »unglaublich«, eine Wahlempfehlung sprach er aber nicht aus. Das dürfte auch daran liegen, dass solche Einflussversuche zuletzt eher Lula halfen. Der betont im Wahlkampf, nur er könne die nationale Souveränität verteidigen. Vor der UN-Generalversammlung sagte er im September: »Brasilien passt in niemandes Hinterhof.« Zum Wahlkampfsong machte sein Team eine abgewandelte Version von Bad Bunnys »Lo que le pasó a Hawaii«, die vor dem Ausverkauf des Landes warnt.

Konflikt um Rohstoffe

Einen solchen strebt Bolsonaro jr. an. In seinem Wahlprogramm heißt es, kritische Rohstoffe sollten schneller erschlossen werden. Mit den USA möchte er eine »strategische Partnerschaft« bei kritischen Mineralien und seltenen Erden eingehen. Brasilien verfügt über rund 23 Prozent der bekannten Vorkommen an seltenen Erden, trägt aber nur etwa ein Prozent zur weltweiten Produktion bei. Washington möchte nicht zuletzt mitentscheiden, an wen die Rohstoffe verkauft und wo sie weiterverarbeitet werden. Derzeit verarbeitet China mehr als 90 Prozent des weltweiten Galliums, Graphits, Mangans und verschiedener sogenannter seltener Erden.

Hintergrund: Hoffnungsträger Lula

Ob Lula am Sonntag wiedergewählt wird, ist nicht nur für die brasilianische Bevölkerung von entscheidender Bedeutung. Auch wenn er sich betont vital und sportlich in Szene setzt, würde es angesichts seines zwei Tage nach der Stichwahl anstehenden 81. Geburtstags wohl die letzte Amtszeit der wichtigsten progressiven Persönlichkeit im Land und in der Region werden. Lula verkörpert nach wie vor die Hoffnung auf wirtschaftliche Entwicklung und sozialen Fortschritt auf dem Kontinent.

Aber was macht einen Herrn in so fortgeschrittenem Alter zu einem Hoffnungsträger für die gesamte lateinamerikanische Linke? Zum einen im nationalen Kontext seine erfolgreiche Armutsbekämpfung bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum. Laut einer Studie der Fundação Getulio Vargas ging die allgemeine Armut in seiner ersten Amtszeit (2003–2011) um rund die Hälfte zurück. Getragen wurde diese Entwicklung vom Sozialprogramm »Bolsa Família«, realen Mindestlohnerhöhungen und einem wachsenden formellen Arbeitsmarkt. Seit Lulas Rückkehr ins Präsidentenamt 2023 gab es die niedrigsten Zahlen für Armut und extreme Armut seit Einführung einer neuen Statistik 2012.

Möglich machte diese Erfolge eine der dynamischsten Wirtschaftsphasen in der brasilianischen Geschichte. Zu Anfang der nuller Jahre waren Rohstoffpreise und Nachfrage vor allem aus China hoch und ermöglichten ein im weltweiten Vergleich durchgehend überdurchschnittliches Wachstum. Die Regierung nutzte diesen Rückenwind geschickt, hielt die Staatsfinanzen stabil, baute Schulden ab und lenkte zugleich einen Teil des neuen Wohlstands in den Binnenmarkt. Millionen Menschen fanden formelle Arbeit, und eine neue Mittelschicht entstand.

Im regionalen Kontext gilt Lula zudem als Protagonist einer von den USA unabhängigen lateinamerikanischen Integration. Mit einem Gipfel in Bahia 2008 hat er den Grundstein für einen Kooperationsmechanismus gelegt, der später 33 Staaten zur CELAC, der »Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten«, formen sollte. Mit der Initiative wurden die Staaten des Kontinents seinerzeit dezidiert über politische und ideologische Grenzen hinweg organisiert. Unter anderem konnte die CELAC Antipoden wie den venezolanischen Expräsidenten Hugo Chávez und seinen kolumbianischen Amtskollegen Álvaro Uribe zusammenbringen. Ohne Lula wäre die sich in kritischem Zustand befindende CELAC wohl endgültig am Ende und könnte kein Gegengewicht gegen den Vormarsch der USA und ihrer »Antidrogen-« und »Sicherheitsinitiative« des »Shield of the Americas« (Schild der Amerikas) bilden. Mit der Wahl am Sonntag wird also auch über die Zukunft und den Charakter der lateinamerikanischen Zusammenarbeit abgestimmt.

Nils Heidenreich, Rio de Janeiro
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Erschienen in der Ausgabe vom 24.10.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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