Zum Inhalt der Seite
Stichwahl in Brasilien

»Alle suchen die Nähe der Evangelikalen«

Stichwahl in Brasilien: Christliche Fundamentalisten sitzen in allen Machtzentren des Landes. Ein Gespräch mit Andrea Dip

Foto: Jean Carniel /REUTERS
Würden auch einen Ring küssen, um zu gewinnen: Luiz Inácio Lula da Silva (links) und Flávio Bolsonaro während eines TV-Duells (São Paulo, 18.10.2026)

Eine Stichwahl soll an diesem Sonntag in Brasilien darüber entscheiden, ob der nächste Präsident Luiz Inácio Lula da Silva oder Flávio Bolsonaro heißt. Was steht auf dem Spiel?

Lula und Flávio stehen für zwei gegensätzliche politische Projekte. Flávio folgt der Agenda der internationalen Ultrarechten und orientiert sich an der Regierung von US-Präsident Donald Trump. Er möchte Gruppen des organisierten Verbrechens als terroristisch einstufen, was es den USA ermöglichen könnte, militärisch in Brasilien zu intervenieren. Die Folgen wären verheerend. Ich befürchte, dass eine Regierung unter ihm noch radikaler würde als die seines Vaters Jair Bolsonaro – ähnlich wie bei Trumps zweiter Amtszeit. Flávio verspricht extreme Maßnahmen: Er möchte Vergewaltiger kastrieren, sicherheitspolitisch nimmt er sich ein Vorbild am Präsidenten von El Salvador, Nayib Bukele. Außerdem unterhält er Verbindungen zu den Milizen, besonders in Rio de Janeiro. Sollte er gewählt werden, wird der Bolsonarismus in die vollen gehen.

Wer steht hinter Flávio Bolsonaros Kandidatur?

Er schlägt eine Liberalisierung der Wirtschaft vor, inspiriert vom argentinischen Präsidenten Javier Milei. Der Partido Liberal, für den er antritt, wird von Unternehmern und Bankern großzügig unterstützt. Zuletzt machte ein Korruptionsskandal um die Banco Master in Brasilien Schlagzeilen, in den viele wichtige Personen verwickelt sind, darunter Richter des Obersten Gerichtshofs und Minister. Flávio unterhielt nachweislich gute Beziehungen zum zentralen Akteur, Daniel Vorcaro, dem früheren Chef der Bank. Trotzdem schafft er es, dass die Vorwürfe an ihm abperlen.

Gerade ist Ihr Buch »Im Namen des Herrn« über die evangelikale Rechte in Brasilien in der deutschen Übersetzung erschienen. Wie steht es um die Beziehungen der Bolsonaros zu diesen Kreisen?

Anzeige

Zunächst war Jair Bolsonaro gar nicht sonderlich gut mit den Evangelikalen vernetzt; er hat sich immer wieder als katholisch bezeichnet. Allerdings suchen in Wahlkämpfen in Brasilien praktisch alle Kandidaten die Nähe der Evangelikalen, auch Lula. Der Grund ist ganz einfach: Ein wichtiger Teil der Wahlberechtigten ist evangelikal, momentan rund 30 Prozent der Bevölkerung.

Flávio geht im Wahlkampf in die Kirchen, spricht mit den Pastoren, betet und holt sich den Segen der Pastoren ab. Sein Vater war der Kandidat, der die größte Unterstützung bei Evangelikalen in der Geschichte Brasiliens gewinnen konnte. Er hat es geschafft, verschiedenste Kirchen hinter sich zu vereinen. Und diese Unterstützung konnte er auch während seiner gesamten Präsidentschaft aufrechterhalten, sogar während großer Krisen wie der Coronapandemie, in deren Rahmen in Brasilien mehr als 600.000 Personen starben. Flávio reitet diese Welle nun eben auch.

Woher kommt diese Macht, die die evangelikalen Kirchen in Brasilien aufgebaut haben?

Seit der Redemokratisierung haben sie sich in allen Machtzentren des Landes breitmachen können – und das wissen sie auch. Es gibt Parteien in Brasilien, die zu Kirchen gehören. Ein Beispiel sind die Republicanos, eine Partei der Igreja Universal do Reino de Deus (Universalkirche des Königreichs Gottes). Es gibt also diese sehr direkten Verbindungen, die zum Entstehen der neuen brasilianischen Ultrarechten beigetragen haben. Grundlage dafür sind vor allem moralische Vorstellungen. Wenn ein Pastor dir beim Gottesdienst sagt, dieser oder jener Kandidat sei der von Gott Auserwählte, wie willst du dagegen ankommen?

Allerdings speist sich die Macht nicht nur aus dem Einfluss, den die Kirchen auf die Politik haben. Sie sind auch im Alltag vieler Menschen sehr präsent, gerade in den Favelas (Armenviertel in Großstädten, jW). In den Tempeln vernetzen sich die Gläubigen, finden Freunde und Familie, Wertevorstellungen und so weiter. Menschen, die im neoliberalen Kapitalismus unsichtbar gemacht werden, wird in den Kirchen das Gefühl gegeben, sie hätten Macht.

Spielen evangelikale Kirchen auch eine Rolle für die Vernetzung der Ultrarechten?

Die ultrarechte Bewegung ist gut vernetzt, und in ihr spielen nicht zuletzt christliche Fundamentalisten und christliche Zionisten eine wichtige Rolle. Die Pfingstkirchen beispielsweise sind stark von den USA beeinflusst. Ich habe in meinem Buch ein Kapitel zu Missionaren, die in den USA mit der ersten Trump-Regierung zusammengearbeitet haben und dasselbe nun auch in seiner zweiten Amtszeit tun: Capitol Ministries. Sie beeinflussen die konkrete Politik mit ihrer Lobbyarbeit, seit 2019 gibt es die Organisation auch in Brasilien.

Zudem gibt es in Brasilien Evangelikale, die einen christlichen Zionismus vertreten. Zum Beispiel die Universalkirche, die in São Paulo den Tempel von Salomo betreibt. Er hat Platz für mehr als 10.000 Gläubige. Israel ist in dieser Vorstellung das gelobte Land der von Gott Außerwählten, und die Regierung von Benjamin Netanjahu wird offen unterstützt.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 23.10.2026, Seite 2, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!