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Frankfurter Buchmesse

Man gewöhnt sich an alles

Die Frankfurter Buchmesse findet den Fan

Foto: Chris Emil Janßen/imago
Wer soll das alles lesen? Mal wieder Buchmesse in Frankfurt am Main

Die Sonne lacht über Frankfurt am Main, kein Wölkchen am Himmel. Ein einsames Flugzeug zieht gen Osten. Noch ist es ruhig im Innenhof der Frankfurter Buchmesse an diesem so aufgeräumten Mittwoch vormittag. Freund R. variiert am Telefon Kästner: Was tun die Wolken, wenn sie nicht ziehen? Was tut der Mensch, wenn er nicht liest? So kann man draufkommen, wenn man soeben das auch im Sonnenschein nicht erträglichere architektonische Elend des Europaviertels durchschritten hat und einem die Ergebnisse des Reports »Buchmarkt kompakt« durch den Kopf gehen.

Kaufen Sie Bücher? Lesen diese vielleicht sogar? Glückwunsch, Sie gehören zu einer aussterbenden Spezies. So lassen sich mit etwas Willen zum Kulturpessimismus die Zahlen zum Zustand des Buchmarktes interpretieren, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Anfang Juli veröffentlicht hat. Minus 2,7 Prozent Gesamtumsatz, minus 9,8 Prozent Neuerscheinungen. Der Trend verstetigt sich, im ersten Halbjahr 2026 schmierten Absatz und Umsatz um weitere 4,5 bzw. 4,1 Prozent ab. Das werden auch die verkaufsstarken Monate Dezember, November und August kaum mehr kitten können.

Die Zahl derjenigen, die überhaupt Bücher erwerben, ist laut Börsenverein im vorigen Jahr erneut gesunken, mit minus 4,9 Prozent fast so deutlich wie zuletzt im Jahr 2022 (damals: minus 5,1 Prozent). 2025 kauften nur 25,9 Millionen Menschen in Deutschland überhaupt ein Buch, 2020 waren es noch 30,6 Millionen. Anlass zur Sorge geben vor allem die Zehn- bis 15jährigen, wo der Rückgang an Buchkäufern ganze 30,6 Prozent beträgt. Auch die 20- bis 29jährigen (minus 17,8 Prozent) und die 50- bis 59jährigen (minus acht Prozent) erwerben seltener Bücher; nur die 16- bis 19jährigen machen etwas Hoffnung: plus 7,7 Prozent. Die New Adult-Literatur zieht die Branche mittlerweile fast allein, selbst das Jugendbuch schwächelt.

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Nimmt es wunder? 32 Prozent der 15jährigen Deutschen erreichen nicht das Mindestniveau an Lesefähigkeiten, weiß die aktuelle PISA-Studie. Funktionale Analphabeten kaufen keine Bücher, warum auch? Es mangelt am geistigen Instrumentarium, nicht am Interesse an Erzähltem zur Unterhaltung oder Sinnstiftung: Gestreamt werden schließlich nicht allein Netflix-Serien und Podcasts, sondern auch Hörbücher. Die Sparte weist ein Umsatzplus von ganzen 13,2 Prozent auf. Aber die hört man zum Einschlafen und bezahlt sie mit dem Spotify-Abo, nicht im weiterhin schwächelnden Bucheinzelhandel.

Da kommt Freude auf. Depressiv ist die Stimmung dennoch nicht bei den unabhängigen Verlagen in der Halle 3.0. Man gewöhnt sich an alles. Und kann sich etwa daran erfreuen, dass das neue Messekonzept zu greifen scheint: In den Erdgeschossen sind die Verlagsstände und Lesebühnen, die höheren Stockwerke bleiben dem internationalen Fachgeschäft, dem Lizenzhandel und dem Netzwerken vorbehalten. Das sorgt für weniger Gedränge und mehr Aufmerksamkeit für die Aussteller. Zumindest an den bisherigen Fachbesuchertagen, was für die Publikumstage Freitag bis Sonntag optimistisch stimmt. Die Messe rechnet mit einem neuen Besucherrekord: 250.000 Menschen erwartet sie auf dem Gelände, das wären noch einmal 12.000 mehr als im vergangenen Jahr. Auch die traditionell aufs Breitenpublikum zielende Leipziger Buchmesse verbuchte zuletzt mit 313.000 Besuchern wieder einen Rekord. Es ist paradox: Während weniger Bücher gelesen und vor allem weniger verkauft werden, steigt das Interesse am »Erlebnis« Buchmesse, am direkten Kontakt zu Verlagen, zu Autorinnen und Autoren. »Die Rezeption ist heute eine andere«, sagte der scheidende Buchmessendirektor Juergen Boos der dpa: »Wir sehen eine Entwicklung vom Leser zum Fan.«

Erst zum Eventstand von Sebastian Fitzek, dann anstehen am Signiertisch für ein Foto mit Caroline Wahl und am Abend auf der (sonst wieder hervorragenden und vorbildlich eintrittsfreien) Party des März-Verlags neben Dana Vowinckel zu Kirmestechno von Loona herumhüpfen? Sonnige Gemüter sagen: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.10.2026, Seite 10, Feuilleton

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