Noch wollen sie etwas von uns
Welcher Geist in welcher Maschine? Menschheitsfragen auf der Frankfurter Buchmesse
»Was für eine Welt haben sie sich da zurechtgelegt? Gesetze, die sie selbst erschaffen. Urteile, die sie selbst fällen. Was ist das? Ist das die Anarchie der Guten? Die Guten, die selbst bestimmen, dass sie die Guten sind. Die niemanden fragen. Womit alle Gesetze außer Kraft gesetzt sind.« (Stephan Derrick, Oberinspektor )
Wo fing das an, was ist passiert? Was uns bloß so ruiniert hat, wussten auch Schriftstellerin Mithu M. Sanyal und ihr Kollege Behzad Karim Khani (der auch Koherausgeber der neuen Weltbühne ist) nicht recht zu sagen, als sie am Sonntag vormittag auf der Frankfurter Buchmesse bei einer Veranstaltung von »Zeit zu reden« zur »Kultur in Zeiten der Staatsräson« befragt wurden. Dass hierzulande einiges im argen liegt bei dem, was man so den öffentlichen Diskurs nennt, und beileibe nicht nur hinsichtlich Israel/Palästina, das wurde bei ihrer kleinen Kartographie der Fallstricke des öffentlichen Sprechens über Politisches dennoch klar. Was einem um so deutlicher vor Augen steht, wenn man mal nicht mitmachen will, was gerade von den Entscheidungsträgern gefordert scheint, sei es bei Militarisierung und Aufrüstung, sei es beim Abnicken von Kriegsverbrechen. In ihrem nächsten Roman mühe sie sich um eine »Sprache der Remenschlichung«, erklärte Heinrich-Mann-Preisträgerin Sanyal, um eine Sprache also, die zu einem mit erheblichem PR-Aufwand verklebten moralischen Empfinden durchdringt, dass es beispielsweise nicht richtig sein kann, den Tod Zehntausender Kinder als Akt der »Selbstverteidigung« eines Staates aufzufassen. Schon ziemlich zu Anfang hatte Karim Khani auf Sanyal geantwortet, was man als Fazit ihres Gesprächs verstehen konnte: Es sei schon viel gewonnen, wenn man statt darüber, auf welche Seite welcher Konfliktpartei man sich schlagen wolle, gemeinsam über die alte Idee der gleichen Rechte für alle reden könne.
Vielleicht sogar mit Wolf Biermann? Der hatte am Mittwoch mittag in der Halle 5.0 vor überschaubarem Publikum mit gewohnter Inbrunst seinen Drachentöterblues ins Mikrofon gebelfert, dass man sich noch drei Stände weiter gestört fühlen musste. Doch als ihm Volker Weidermann einigermaßen lustlos die Abschlussfrage hinwarf, wurde der alte Kämpe des Antikommunismus kurz still. »Herr Biermann, wollen Sie zum 7. Oktober auch etwas sagen?« Biermann, zunächst fast leise: Seit dem von der Hamas zu verantwortenden Massaker begehe Israel an den Palästinensern »Völkermord, ein Verbrechen, Kriegsverbrechen … Die Gründe zu kennen ist kein Trost.« Reste an Realitätssinn verbergen sich in den wundersamsten Winkeln. Ein humanistisches Minimum scheint offenbar selbst Biermanns »uralten Kinderaugen« wieder evident.
Ob ihm das die sonst so biermannberauschte FAZ durchgehen lässt? Derweil verhallte das sicher sehr mutige Statement seines geistigen Findelkindes Ilko-Sascha Kowalczuk gegen den braunen Osten am Stand der »Zeitung für Deutschland« ungehört. Jedenfalls von mir. Denn mehr noch als das vor einiger Zeit noch so beliebte Spiel, wohin man wohl auswandern könne, wenn die Blauen bald die Macht ergreifen, die ihnen zum Zwecke der »Entzauberung« angeboten wird, beschäftigen auch die linken Literaturleute derzeit die Fragen, die alle hier beschäftigen: Welchen Sinn hat das alles noch? Und wie lässt sich damit noch Geld verdienen? Die Ursachen des Rätselratens sind natürlich allgemeine Leseschwäche, Buchmarktkrise, künstliche Intelligenz.
Von den Freunden aus der Wissenschaft hört man Dystopisches, ob von Historikern, Mathematikern oder Theologinnen: Dozenten erstellen Aufgaben mittels KI, die von den Studenten mittels KI gelöst und von den Dozenten mittels KI korrigiert werden. Das bayerische Kultusministerium verbietet seinen Unis, ihren Studenten die KI-Nutzung zu verbieten. Beim traditionellen Donnerstagsumtrunk der unabhängigen Verlage in Halle 3.0 erzählt eine erfolgreiche Autorin eine Geschichte aus Norddeutschland: Ein befreundeter Deutschlehrer an einer gymnasialen Oberstufe habe in der Lehrerkonferenz dagegen protestiert, dass eine Kollegin für eine Nachholklausur die KI eine Kurzgeschichte erstellen ließ, welche die ahnungslosen Schüler analysieren mussten, statt einfach den Böll aus dem Bücherregal zu ziehen. Niemand fand es verwerflich, auch nicht die Schulleitung. Freund M., selbst arrivierter Autor ausgezeichneter Romane, verzweifelt in derselben Nacht, hatte er doch seinen Schreibschülern an einer Frankfurter Schule just vergleichbare Übungsaufgaben gestellt. Zur Geisterstunde beauftragt er die Maschine, einen Text in seinem Stil zu verfassen. Und muss lernen: »Die KI kann auch mich.«
Ruhig Blut, besänftigt ähnlich aufgekratzte Gemüter bei einer Veranstaltung zur Frage »Wie Bücher heute ihr Publikum finden« die Social-Brand-Managerin von Droemer Knaur, Corinna Schmidt. Für die treue Fanbase der absatzstarken »New Adult«-Romanzen seien »Echtheit«, »Emotionalität« und »Nahbarkeit« entscheidend. Wo das Social-Media-Marketing ganz auf die Person zielt – ob Autorin, ob Leserin –, muss erst mal eine da sein. Maschinen weinen nicht, nehmen also auch keine »Ugly Crying«-Reaction-Videos auf. Letztere sind in der Vermarktungswelt der neuen Medien die weitaus härtere Währung als begeisterte Besprechungen in großen Feuilletons. Und ökonomisch zuverlässiger, wie mir Schmidt auf Nachfrage bestätigt: Hohe Klick-, View- und Reaction-Werte übersetzen sich zuverlässig in Käufe, zumindest beim Genre »New Adult«. Den Kritikerliebling, der gute Rezensionen einfährt, aber an den Kassen floppt, gibt es in der Social-Media-Welt nicht.
Der Mensch geht uns erst mal nicht flöten, dafür nur sein Geist? Der ideale Leser, ein schluchzendes Bündel vor der Streamingkamera? So böse wollen wir einmal nicht sein, man begnügt sich ja mit wenig: »Hauptsache, es wird gelesen, da sind wir uns doch hoffentlich alle einig«, erklärt Schmidt. Diejenigen, die heute Genreliteratur lesen, läsen in zehn Jahren wahrscheinlich anderes. Vielleicht sogar, was das Feuilleton feiert? »Die Buchbranche«, wandte vor einiger Zeit Kollege Ken Merten ein, »wird ökonomisch von Buntschnittbüchern über Wasser gehalten. Die kommen so oder so, ob nun von einem LLM verbrochen oder von einer Entität mit Personalausweis, aus dem Automaten.« Was, bei allen Unterschieden in der Virtuosität der Ausführung, für viele Spitzentitel renommierter Verlage gilt. Von Suhrkamp bis Rowohlt, von Dana Vowinckel bis Daniel Kehlmann: Literatur vom Reißbrett findet auch bei der Kritik Applaus. Die neue Unterhaltungsliteratur ist Fleisch vom Fleische der »ernsten«, da mag das Feuilleton noch so sehr die Nase rümpfen.
Und muss man diesem nicht vorwerfen, den Weg vom Argumentieren zum Meinen selbst planiert zu haben? »Ich glaubte an die Literaturkritik«, bekannte die Frankfurter Dezernentin für Kultur und Wissenschaft, Ina Hartwig (SPD), am Mittwoch bei der Eröffnungsveranstaltung des »Zentrums Wort«. Obwohl alle auf dem Podium froh zu sein schienen, dass Kritik heute »weniger hierarchisch, weniger vernichtend« (Regina Schelling) sei als zu Zeiten eines »Literaturpapstes« Marcel Reich-Ranicki, war eine leise Trauer über den Bedeutungsverlust doch offenkundig. Die man durchaus empfinden kann, dabei aber nicht vergessen sollte, dass gerade dieser mit seiner Forcierung der (höchstens Stützargumente bedürfenden) Formen Verriss und Hymnus eine Literaturrezeption befördert hatte, deren Schwundstufe Instagram-Videos sind, in denen »Bookfluencer« Klappentexte vortragen und abschließen: »Das hat mich abgeholt. Kaufempfehlung, vier Sterne.«
Auch das ist nicht bloß eine Sache des Unvermögens. Wo es keine Gründe, sondern nur Gefühle zählen, gibt es nur Wirkungen ohne Ursachen und die Unmöglichkeit von Alternativen. Was wie von selbst zum Schrumpfen der »Räume des Widerspruches« führt, deren Verengung Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, bei einer Diskussion über »Kultur als fünfte Staatsgewalt« auf dem »Podium Rheinland Pfalz« in bemerkenswerter Deutlichkeit nicht erst der AfD anlasten wollte: »Der Fisch stinkt vom Kopf her.« Die Kulturpolitik eines Wolfram Weimer sei »eindeutig von gleicher Richtung und von gleichem Geist«.
Sowohl Fragen der Kunst wie der Moral sind nicht als denen nach Interessen entgegengesetzt, sondern von diesen durchwirkt zu begreifen. Das musste dem dämmern, der aufmerksam das Gespräch zwischen dem kommunistischen Schriftsteller Dietmar Dath und der Politikwissenschaftlerin Asma Mhalla über »The right to think in a Cyberpunk age« beim Institut français verfolgte. Diese erkannten in der technologisch gesteuerten, voll überwachten »Bequemen neuen Welt« (Sibylle Anderl), die derzeit im Begriff ist, aus den zermahlenden liberalen Demokratien zu entstehen, keinen Naturprozess, sondern interessengeleitete Formen der Koordinierung abhängiger Arbeit und der Unsichtbarmachung von Menschen – und nicht zuletzt von Verantwortlichkeit. Im Effekt: völlige Vereinzelung, ein neuer Totalitarismus. Depressiv werden wollten beide dennoch nicht: »Es gibt eine Sehnsucht nach dem Menschlichen«, so Mhalla. »Noch wollen sie etwas von uns«, so Dath. Es gibt Gründe, es gibt Hebel.
»Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.« (Brecht/Reich-Ranicki)
»Ich möchte noch einmal die Frage ›Was tun?‹ stellen.« (Dath)
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
