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Versetzung gefährdet
Armutszeugnis für BRD: Neueste PISA-Studie zum Zustand der Bildung bescheinigt Niveauverfall auf allen Testfeldern. Gewerkschaften beklagen Kürzungspolitik und exzessive Mediennutzung
Fragt der Lehrer: »Wo liegt Pisa?« Antwort: »Wieso? Ist der Turm jetzt umgefallen?« Deutschlands Bildungssystem steht, wie das Klima, am Kippunkt. Ändert sich nicht bald Grundlegendes, ist der Niedergang nicht aufzuhalten. Wie schlimm die Lage jetzt schon ist, offenbart der neueste PISA‑Test. Die internationale Schulleistungsstudie gibt es inzwischen in der neunten Auflage. Nie haben hiesige Schülerinnen und Schüler schlechter abgeschnitten. Man sehe einen »eindeutigen Abwärtstrend«, bilanzierte gestern Samuel Greiff, der hierzulande die Untersuchung leitet. Die Kompetenzverluste beschränkten sich nicht auf bestimmte Bereiche oder auf einzelne Gruppen. Sie erstrecken sich »über das gesamte Leistungsspektrum«.
Dabei ist PISA selbst Teil des Problems. Die federführende Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vermisst Bildung entlang der Leitlinien Standardisierung und Ökonomisierung. Kinder und Jugendliche sollen nicht für sich, das Leben und ein gedeihliches Miteinander lernen. Man will sie in Selbstverwertung unterweisen, damit sie später gute Lohnarbeiter oder Unternehmer werden – ersteres dabei überwiegend. Allerdings kann der Plan unter Bedingungen eines in Jahrzehnten kaputtgekürzten Schulwesens – marode Bausubstanz, historischer Lehrermangel, zu große Klassen, zuwenig individuelle Förderung – einfach nicht aufgehen. Und eine Flut von Einserschülern, wie es sie seit Jahren gibt, kaschiert nur den schleichenden Verfall. Faktisch ist das Niveau schon lange im freien Fall.
Die Quittung liest sich so: In allen im Vorjahr geprüften Feldern – Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften, neuerdings computergestütztes Problemlösen – liegen hiesige 15jährige mit großem Abstand zu den Siegern – China, Singapur, Taiwan, Japan – nur noch knapp über dem Mittelwert aller 38 OECD-Mitgliedstaaten, in Mathematik sogar darunter. Die Ergebnisse in den drei Kerngebieten fallen damit durchgängig noch hinter die des ersten Tests aus dem Jahr 2000 zurück, dessen Veröffentlichung vor 25 Jahren den legendären »PISA-Schock« ausgelöst hatte. In den Folgejahren zeichnete sich vorübergehend eine leichte Besserung ab, bis die Resultate seit rund einem Jahrzehnt wieder stetig schlechter ausfielen und nun einen vorläufigen Tiefpunkt erreichen. Laut Greiff zeigt sich bei allen führenden Wirtschaftsnationen eine Negativtendenz. In der BRD falle der Rückgang jedoch »besonders deutlich« aus.
»Ein Vierteljahrhundert PISA-Maßnahmen haben unterm Strich nichts gebracht«, kommentierte am Dienstag Anja Bensinger-Stolze, die bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) für Schulen zuständig ist. Vor allem in puncto Bildungsgerechtigkeit sei die Lage »verheerend«. Der Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und familiärer Herkunft hat sich den Befunden zufolge sogar noch verfestigt. So erklärt der sozioökonomische Hintergrund 19 Prozent der Unterschiede in der naturwissenschaftlichen Leistung, im OECD-Mittel sind es 11,6 Prozent. Bildungsqualität definiere sich seit Jahren »über Standards, Tests und Vergleiche«, monierte die GEW‑Vorständin. »Das ging vor allem zu Lasten pädagogischer Vielfalt, sozialer Ziele sowie guter Lern- und Arbeitsbedingungen.«
Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) verortet die Ursachen der Misere auch außerhalb des Klassenzimmers. »Das Aufwachsen in einer digitalen Umgebung, das damit einhergehende Umgehen mit Texten und künstlicher Intelligenz und die sinkenden Möglichkeiten familiärer Unterstützung wirken in die Schule«, erklärte gestern der Bundesvorsitzende Tomi Neckov. Entsprechend sinke die Lesekompetenz von Schülern auch in der weltweiten Gesamtsicht. Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck (CDU), forderte am Dienstag, die Nutzung sozialer Medien für Heranwachsende einzuschränken. »Wieviel wissenschaftliche Evidenz brauchen wir eigentlich noch, bevor wir handeln?«
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