Das Beschreiben von Wut
Ein Dankeschön an Elfriede Jelinek zum 80. Geburtstag
Ich war 16 oder 17, auf der Suche und fand Elfriede Jelinek. Nach einer Phase mit klassischer proletarischer Literatur änderten sich Form und Inhalt, die Haltung blieb. Nicht (nur), weil die Literaturnobelpreisträgerin (2004) ab 1974 fast 20 Jahre Mitglied der KPÖ war; Elfriede Jelinek, geboren am 20. Oktober 1946, vertritt in ihren Büchern und Theaterstücken parteiisch und vehement die Opfer faschistischer, kapitalistischer und patriarchalischer Machtstrukturen.
»Ich funktioniere nur im Beschreiben von Wut«, so Jelinek in einem Interview. Es war diese Wut, die ich kannte, mit der ich nichts anzufangen wusste, außer nachts voller Angst auf dem Heimweg Mercedes-Sterne abzubrechen. Diese Wut, die mir durch Elfriede Jelineks Sprache, wie die Brille einem Kurzsichtigen, mehr Klarheit gab, die mir sagte, dass ich richtig bin.
Ihre Gedanken waren mir nah, die Form zunächst fremd. Kleinschreibung (die sie später wieder aufgab), neue Wortgebilde (»das Kind bleibt bei der hassaufmutterundkinderfüllten Oma«) und, vor allem bei meinem ersten Lieblingsbuch, »Michael – ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft«, romanuntypisch ständig wechselnde Schauplätze und Protagonisten.
Heute wohl nur noch Boomern verständlich, spielen von Inge Meise (»Ich bin geil, leider vergessen die Drehbuchschreiber, dass ich eine Frau bin«) über Tommy Fisch bis zu Flipper in Jelineks Zweitling (1972) leicht unkenntlich gemachte Stars und Fernsehserien der 70er die Hauptrolle. Die Arbeiterfamilie aus »Wünsch dir was« schwitzt Blut und Wasser, weil sie vor einem Millionenpublikum mit dem originalen Nachbau ihres ärmlichen Wohnzimmers überrascht wird, oder der gar nicht »liebe Onkel Bill«: »Na schon aus der Schule zurück? Bill Davis zeigt den Kindern seinen Schwanz und was man damit machen kann. Fein, Onkel Bill, darf ich auch mal?«
Alltägliche Gemeinheiten, Peinliches und (Selbst-)Erniedrigung werden als physische Brutalität beschrieben, das Ergebnis ist Komik zum Verzweifeln: Ein Sonntag im Bad, Arbeiterin Ingrid, mit Mutti dort, erspäht »Herrn Chef« Michael, bietet ihm selbstgemachtes Schnitzel und Gurkensalat an, er lehnt ab, sie weint, Gurkenwasser rinnt auf Michaels schwangere Frau. – »Der Herr Chef poliert Ingrids Gesicht mit der Bierflasche, der er vorher den Hals abgeschlagen hat. Ingrid kommt gar nicht nach, das Blut abzulecken, die Mutti sucht im Gras nach dem Schnitzel. Wenn man die Kruste ablöst, die sandig geworden ist, kann man das Fleisch sicher noch essen, es wäre doch schade drum.«
Die oft ausweglose Situation von Frauen, gerade in ländlichen Gegenden, wird in »Die Liebhaberinnen« (1975 – laut Wikipedia die marxistisch-feministische Karikatur des Heimatromans) fortgeführt. Paula lässt die Schläge ihres Vaters auf einen »Nebenkörper« prallen, während ihr »Hauptkörper« von Romanzen träumt. Brigitte ist »austauschbar und unnötig. Heinz hat eine Zukunft, Brigitte hat nicht einmal eine Gegenwart. – Brigitte ekelt sich vor Heinz und seinem fetten weißen Elektrikerkörper …«, aber nur ein Kind wird sie retten: »Brigitte will es in sich hineinkriegen und, daß es dann auch drinnenbleibt und nicht wieder ungenützt, sinnlos und zukunftslos herausrinnt. Brigitte will, daß Heinz abdrückt und ihr den Extrakt aus dem Rindsbraten und den Semmelknödeln von heute Mittag hineinschießt. jetzt muss dieser schlatzige Mist doch endlich hineingespritzt und drinnen sein.«
Eine brutale Sprache für eine brutale Welt; der Plan der Mutter für das musikalische Wunderkind Elfriede aus dem steirischen Mürzzuschlag (Klavier, Gitarre, Flöte, Bratsche, mit 13 auf dem Wiener Konservatorium noch Orgel, Blockflöte und Komposition) war ein anderer gewesen. Nach Ballett, Kunstgeschichte, Theaterwissenschaften der Zusammenbruch und Angstzustände, die Jelinek zum Schreiben brachten, sie aber seither begleiten.
Doch Wut ist eine große Kraft, und so entstanden bisher elf Romane, 42 Theaterstücke, dazu 19 Übersetzungen und verschiedene Essays, gewürdigt mit 41 renommierten Preisen.
Mit ihrem letzten und hoffentlich nicht letzten Theatertext »Unter Tieren« kann ich nahtlos an die Begeisterung meines Teenager-Ichs anknüpfen. Auch dank der genialen Umsetzung durch das Ensemble des Wiener Burgtheaters finde ich erneut meine eigene Wut und Verzweiflung wieder, spüre, dass ich nicht allein und dass ich richtig bin. Danke, Elfriede Jelinek.
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