-
1 Leserbrief
- → Feuilleton
Antifa ist Kopfarbeit
Danger Dan, Igor Levit, das ZDF und die Nöte des gut Gemeinten, aber schlecht Gedachten
Natürlich hat »Die Anstalt« um das Canceling gebettelt. Wenn das Gewaltmonopol des Staates von links in Frage gestellt wird, hört der Spaß auf, mittlerweile selbst beim öffentlich-rechtlichen Kabarett. Mag sein, das Spiel mit der Gewaltfrage wäre vor zehn Jahren, vielleicht fünf, in dem linken Feigenblattformat des ZDF noch durchgegangen. Aber heute will die bürgerliche Demokratie nach innen und außen wieder wehrhaft, gar kriegstüchtig sein. Das Hufeisen ist heiliger denn je. Der Feind muss für die guten Demokraten rechts und links stehen, und wenn links fast nichts mehr da ist, verschiebt sich eben die Baseline. Wenn also schon Veranstaltungen zu sozialdemokratischer Stadtgeschichte streng geprüft werden, sofern irgendwie ein paar Groschen aus öffentlichen Mitteln dafür springen sollen, dann haben Grüße an Lina E. natürlich nichts im Zweiten Deutschen Fernsehen zu suchen. Das demonstriert zu bekommen, bestätigt zumindest, dass man mit der pessimistischen Lageeinschätzung nicht falschliegt. Ermüdend ist es dennoch, ebenso, dass die Reaktionen genauso erwartbar ausfielen wie Entscheidung und Ausladung. Letztere markieren die generelle Rechtsverschiebung, erstere die Grundhaltung dazu: Die Rechten feixen (»Antifa als Tagtraum«, Junge Freiheit), die Konservativen klatschen (»Die Absage ist richtig«, FAZ), die Liberalen jammern (»Die Absage ist falsch«, Taz).
Jetzt wird’s ernst
Und die Linken? Haben zweifelhafte Takes auf Lager. Denn natürlich sind Danger Dan und Igor Levit für Antiimperialisten keine »echten« Linken. Levit gefällt die Aufrüstung des bürgerlichen Staates ganz gut, wenn es gegen »Coronaleugner« oder »diesen Faschismus in Russland« geht, und er verteidigt Israel selbst noch, wenn es gerade einen Krieg gegen den Iran beginnt. Auch Danger Dan scheint die Bekämpfung der rechtsreligiösen Hamas wichtiger zu sein als die Schonung palästinensischer Zivilisten, egal welcher politischer Couleur, weil ihre Ermordung von den Falschen als »Schutzschild« genutzt wird (»Oktober in Europa«, 2024).
Das mag man für alle, die es nicht wussten, noch einmal herausstellen, hat damit aber nichts Triftiges über den in der »Anstalt« dann nur exegierend vorgetragenen Song »Keine Angst« oder die darin vertretene politische Haltung gesagt, sondern nur zu Bedingungen ihrer Rezeption. Levit kann man als Pianisten auch ohne antisemitische Untertöne eine etwas übermäßige Liebe zur technischen Perfektion vorwerfen, und natürlich liegt der Verdacht nahe, dass die Ästhetik seiner Interpretationen nicht zufällig mit seinem Verständnis des sauberen »Staatsbürgers« (einer seiner Lieblingsbegriffe) korrespondiert. Dennoch lässt sich sein musikdidaktisches Wirken, etwa mit einem Podcast zu Beethovens Klaviersonaten, nur als lobenswert bezeichnen. Angreifbar ist sein politischer Aktivismus, und auch der nicht in allen Facetten, wenn er etwa das Recht des Künstlers verteidigt, etwa zum Ukraine-Krieg zu schweigen, ohne dafür mit Canceling gestraft zu werden. Ähnlich verhält es sich mit Danger Dan, der, ob alleine oder in diversen Konstellationen mit seiner Rapcrew Antilopen Gang, weitaus mehr gelungene oder bloß belanglose Stücke veröffentlicht hat als wirklich kritikable. Die depressiven Verweigerungsgesten des Albums »Aschenbecher« (mit NMZS, 2012) sind erstaunlich gut gealtert; das bereits sehr poppige »Beate Zschäpe hört U2« (Antilopen Gang, 2014) war etwas billig, in seiner ressentimentgesättigten Ressentimentkritik aber nicht unwahr und die Häme von »Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt« (2021) vor allem lustig. Schon damals begleitete Levit den Sänger im »ZDF Magazin Royale«, die neuerliche Kollaboration vor der Fernsehkamera wäre eine gestische Reprise gewesen, ob des gesetzteren Formats der »Anstalt« aber im Duktus: Jetzt wird’s wirklich ernst.
Und wenn’s wirklich ernst wird, macht Danger Dan in Interviews selten eine glückliche Figur, ob es nun um Stuttgart 21 (ND, 2014) geht oder Jugendzentren in Berlin-Hellersdorf (Spiegel, 2026). Der 1983 geborene Daniel Pongratz hat offenkundig in den Nullerjahren arg viel Jungle World gelesen, damals, als es noch so etwas wie eine antideutsche Szene gab (vgl. G. Hanloser, »Die andere Querfront«, 2019). Seine politischen Fehler sind die der Reste dieses zerfallenen Milieus, zumindest der »Linksantideutschen«, denen offener Rassismus gegen Muslime und Menschen im Mittelmeer ersaufen zu lassen zu weit ging. So wundert es nicht, dass auch das offenkundig als antifaschistisches Fanal gedachte Lied »Keine Angst« wenig klüger ist als sein Autor, wenn auch, wie es bei besserer Kunst häufig ist, durchaus ein wenig.
Zum einen musikalisch: Es ist zwar unbedingt konventionell geklimpert und will sich im Ohr offenkundig zunächst nicht von den üblichen Klavierliedern Danger Dans abheben. Auch die Reime sind mal hübsch, mal etwas gewollt, Hannes Wader für heute. Doch ist das Stück von einer einnehmenden Dramaturgie, die sich vor allem dem Sog der Erzählung und dem eingängig simplen Refrain verdankt, die über die ganzen sieben Minuten zwanzig trägt und, wiederum unbedingt konventionell, mittels Streichern und Schlagzeug gesteigert in der letzten Wiederholung des beschwörenden Refrains gipfelt: »Keine Angst!« Das ist keine dumme Botschaft.
Auch textlich hebt der Song mit einer Einschränkung an: Sich der erstarkenden Rechten in den Weg zu stellen bedeutet »Stress«, und was das lyrische Ich, das hier einigermaßen bedenkenlos mit Pongratz identifiziert werden kann (jedenfalls gibt es keine Zweifel säenden ästhetischen Marker), methodisch vorschlägt, verspricht nicht mehr als »’ne kleine Chance, das Blatt noch mal zu wenden / Oder vielleicht das Schlimmste noch verhindern zu können«.
Autonomer Agitprop
Was folgt, ist das ABC linksradikaler Antifaarbeit seit dem Zerfall der 68er-Bewegung und der sozialistischen Staatenwelt: Bildet Banden, klandestin, halblegal, konfliktbereit, militant, also wehrhaft, haha. Jeder stellt sein Ego hinten an, keiner quatscht mit der Polizei. Neonazis müssen ausfindig gemacht und »geoutet« werden, und weil es dabei eben immer »krachen kann«: »plant immer mit der Konfrontation / Habt Überraschung’n dabei, wenn sie komm’n.« Dann sei »mal wieder die Grauzone geschrammt / Ich lass’ ihn jetzt einfach mal im Raum, den Elefant / Ist eh klar, was zu tun ist, ich sag’ nix mehr dazu.« Grüße an die Antifa Ost.
Die freilich mit ihren tatsächlichen oder vermeintlichen Taten den Aufschwung faschistischer Kräfte wenig entgegensetzen konnte und deren Aktiven frei nach Peter Hacks »unbeschreiblichen, aber ganz überflüssigen Ärger« angerichtet haben und erleiden. Denn was Danger Dan im Lied nicht anklingen lässt: Die Geschichte der autonomen Antifa ist eine Geschichte weniger, teuer erkaufter Erfolge – so wurden tatsächlich Neonazigruppen zerschlagen oder in ihrer Aktionsfähigkeit eingeschränkt – und eines großen Scheiterns. Sonntagsfrage, AfD 27 Prozent (Forschungsgruppe Wahlen, 17.7.). Die in der Bevölkerung grassierende Unzufriedenheit mit den Regierenden politisiert sich in der Masse nach rechts, an den gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus hat die mühevolle Zirkelarbeit nichts zu ändern vermocht.
Wie auch? Fehlte ihr doch schon in den 80ern der Begriff von dem, was man da bekämpfte, weil man ihn mitsamt des ideologischen Ballastes über Bord geworfen hatte. So erst recht dem autonomen Agitprop von »Keine Angst«. Am deutlichsten wird das in einer grundsätzlich sehr berechtigten Warnung: »Doch ihr wärt blöd, wenn ihr euch auf den deutschen Staat verlasst / Die Erfahrung zeigt genau das Gegenteil / Es gibt so viele Faschos bei der Polizei.«
Man soll dem demokratischen Staat nicht also deshalb misstrauen, weil die bürgerliche Gesellschaft die faschistische Diktatur als Option in sich trägt und immer neu hervorbringt, sondern weil er von Faschisten unterwandert ist. Das lässt sich nicht als notwendig verkürzende Aussparung betrachten, da von derlei systemischen Ursachen im Text nichts angedeutet wird. Was auch außen vor bleibt: Die heutigen politischen Umstände haben sich nicht nur im Vergleich zu den 1930er, sondern auch zur Blütezeit der Autonomen erheblich geändert, auch durch den Wegfall der nichtkapitalistischen Alternative wirkt die »soziale Desintegration« als »integrierte Desintegration« (G. Hindrich).
So bleibt nur der ratlose Vorschlag, es doch noch einmal mit dem Reenactment einer Praxis zu versuchen, deren Untauglichkeit durch das Eintreten des zu bekämpfenden Zustandes bereits bewiesen ist. Man kann den Aktivisten nicht vorwerfen, es zu wenig gewollt zu haben. Auch Danger Dan weiß nicht weiter. »Keine Angst« singt er vor allem zu sich selbst.
Wer mit begriffs-, also hilflosem Antifaschismus die Selbstabschaffung der liberalen Demokratie aufhalten möchte, gehört mit Recht in die »Anstalt«.
→ »Die AntifAnstalt 100«, 21.7., 22.15 Uhr, ZDF sowie jetzt schon in der ZDF-Mediathek
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!

Die taz benennt Danger Dan als staatstragend und schreibt: "Was an der Palästinabewegung durchexerziert wurde, wird sich in den kommenden Jahren vermehrt auf das linksliberale Milieu ausweiten. (...) Die Zeiten werden härter, auch für noch so staatstragende Linke" (https://taz.de/ZDF-laedt-Danger-Dan-und-Igor-Levit-aus/!6197124/). Damit wird ein Zusammenhang benannt, der für die aktuelle Entwicklung zentral ist.
Demgegenüber bleibt der Beitrag der jW zum Thema weitgehend bei einer Beschreibung der Person Danger Dan stehen. Formulierungen wie "die Nöte des gut Gemeinten, aber schlecht Gedachten" oder der Hinweis, Danger Dan mache "in Interviews selten eine glückliche Figur", bleiben letztlich psychologisierend. Eine marxistische Kritik an der politischen Funktion seines hilflosen Antifaschismus fehlt dagegen.
Besonders irritierend ist die Passage: "Und die Linken? Haben zweifelhafte Takes auf Lager. Denn natürlich sind Danger Dan und Igor Levit für Antiimperialisten keine 'echten' Linken." Damit wird die antiimperialistische Kritik eher als äußere Zuschreibung referiert, statt sich mit ihr auseinanderzusetzen. Warum wird nicht diskutiert, worin diese Kritik besteht? Herr Merg schreibt über die Linken und Antiimperialisten von außen – er gehört also nicht dazu, oder kann man die Passage anders verstehen? Falls das zutrifft: Sollte er sich da vielleicht mal überlegen, ob er bei der jW richtig ist?
Während die taz ausdrücklich auf Danger Dans Lied "Oktober in Europa" eingeht und dessen Übernahme des "Schutzschild"-Narrativs problematisiert, heißt in der jW: "Auch Danger Dan scheint die Bekämpfung der rechtsreligiösen Hamas wichtiger zu sein als die Schonung palästinensischer Zivilisten, egal welcher politischer Couleur, weil ihre Ermordung von den Falschen als »Schutzschild« genutzt wird." – "genutzt wird"! Die jW widerspricht dem "Schutzschild"-Narrativ hier also nicht, sondern übernimmt es. Das finde ich doch sehr verwunderlich, weil ich in der jW schon sehr gute Artikel zu Palästina gelesen habe, die diesem Narrativ widersprechen – das Buch von Fabian Goldmann beispielsweise, der dieses Narrativ mit Fakten entlarvt, habt ihr ja auch rezensiert, usw.
Eine marxistische Analyse wäre gefragt: Was bedeutet es, wenn ein Künstler, der als links gilt, Positionen vertritt, die sich in zentralen außenpolitischen Fragen weitgehend mit der deutschen Staatsräson decken?
Die jW hebt sich von anderen Medien gerade dadurch ab, dass sie gesellschaftliche Entwicklungen aus einer konsequent marxistischen Perspektive analysiert. Umso erstaunlicher ist es, wenn ausgerechnet im Feuilleton eine solche Einordnung ausbleibt und stattdessen hinter Analysen zurückgefallen wird, die inzwischen sogar in der taz zu finden sind – sehr schade und enttäuschend.