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Durchblick und Paranoia

USA
Foto: Francois Lagarde/Opale.photo/IMAGO
Nova Convention 1978: Geld sammeln für den klammen Meister William S. Burroughs (r.)

Im Spätherbst des Jahres 1978 fand in New York ein Multimediafestival statt, das bald als legendär gehandelt wurde, vielleicht auch, weil die Filmaufnahmen davon lange verschollen waren. An drei Tagen trafen sich in East Village Vertreter der jüngeren US-amerikanischen Gegenkultur zur Nova Convention, um den inzwischen 64jährigen William S. Burroughs zu feiern und etwas Geld für den klammen Meister zu sammeln. Laurie Anderson, Frank Zappa, die frische Patti Smith, Borroughs alter Beatnikkollege Allen Ginsberg und andere Provokateure fanden sich ein zu Lesung, Poetry, Disput und Konzert.

Howard Brookner hielt das Schauspiel auf 16 Millimeter fest; das Material ging nach dem frühen Tod des Filmemachers verloren und wurde erst Jahrzehnte später von seinem Neffen Aaron Brookner wiedergefunden und aufbereitet. Seit vorigem Jahr ist dessen Dokumentation »Nova 78« auf internationalen Festivals zu sehen. Die Tonspur des Streifens hat die »Diagonal«-Redaktion vom ORF als Brücke verwendet für eine Annäherung an den Fixpunkt der versammelten Außenseiter, den Schriftsteller Burroughs, an dessen Werk das »wahre Amerika« irre wurde. Oder werden sollte? »Ein Paranoider«, wird er hübsch, aber unbelegt zitiert in der Ankündigung für die Sendung → »Nova Convention Revisited«, »ist jemand, der ein klein wenig Ahnung davon hat, was sich in der Welt gerade abspielt.« (Sa., 17.05 Uhr, So., 22.05 Uhr, Ö 1)

Wir fahren fort mit kürzeren Programmvorschlägen, bleiben aber dramatisch: In den »Radiogeschichten« liest Elfriede Jelinek aus ihrer neuesten Apokalypse → »Unter Tieren« (Di., 11.05 Uhr, Ö 1). Der DLF kündigt → »Die Eisheiligen« an, Hörspiel nach dem autobiographischen Roman der deutsch-isländischen Autorin Helga M. Novak (RBB 2006, Di., 20.05 Uhr), DLF Kultur eine Adaption von Ibsens → »Gespenster«, nachgedichtet und inszeniert vom »Markus & Markus Theaterkollektiv« (DLF Kultur 2021, Do., 22.05 Uhr). → »Dünne Luft und schwere Last – Das Joch der Sherpa« beschreibt Ernst Weber in seinem Feature (ORF, SWR 2026, Fr., 15.05 Uhr, SWR Kultur).

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Gibt es nirgendwo zu kaufen: → »Cannonball Adderley im NDR 1969«; das Quintett gastierte auf Deutschlandtournee in Studio 1 am Rothenbaum (Fr., 19.04 Uhr, NDR Kultur). Haruki Murakami als Hörspiel: In der Erzählung »Schlaf« entlieht eine gelangweilte Zahnarztgattin in Nacht und Todesnähe (NDR 2002, Sa., 18.05 Uhr, NDR Kultur). Salieri-Oper auf den ARD-Kulturwellen: → »La grotta di Trofonio« in einer Aufnahme mit der Hofkapelle München vom November 2025 (Sa., 20.03 Uhr, BR Klassik, HR 2 Kultur, NDR Kultur, SR Kultur, SWR Kultur, WDR 3).

Die verbliebenen fünf Programmvorschläge sind eine Tour: In der neuen Ausgabe der »Lebenszeichen« berichtet Andreas Boueke über → »Die Abgeschobenen« und die Folgen der US-amerikanischen Ausländerpolitik für die Gesellschaften in Mittelamerika (So., 8.30 Uhr, WDR 3). Etwas südlicher, in den Elendsquartieren von Französisch-Guyana, spielt das Stück → »Choco Bé« der französisch-iranischen Autorin Laura Tirandaz (DLR Kultur, SR 2015, So., 17.04 Uhr, SR Kultur).

Den Trip schließen drei Hörspielneuigkeiten ab: SWR Kultur bringt → »Die Holländerinnen« nach dem Roman von Dorothee Elmiger; darin verlaufen sich die zwei Protagonistinnen im lateinamerikanischen Urwald (SWR 2026, So., 18.20 Uhr). Zur Safari ins ausgeplünderte Reservat zieht es Jenny und Conny in → »Koloniale Arten« von Maxi Obexer (NDR 2026, So., 18.30 Uhr, DLF Kultur). Ins buntlackierte Silicon Valley beamt uns der Big-Tech-Krimi »Human in the Loop« von Lars Werner am Montag abend (DLF 2026, 22.05 Uhr, DLF Kultur). Und inmitten dieser Horrorhörweltreise von den Amerikas über Afrika bis in die Silikonhölle setzt sich ein Paranoider an seine »Erika« und schreibt: »Stop that train, I wanna get off.«

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Erschienen in der Ausgabe vom 20.10.2026, Seite 14, Feuilleton

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