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Stolz auf Kriegsverbrechen
Israels Premier brüstet sich vor UNO mit Pager-Attacken im Libanon. Neue Details bekannt
»Erinnern Sie sich an die Piepser?« fragte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu während seiner knapp 40minütigen Rede vor der UN-Generalversammlung. Mehr als die Hälfte der Delegierten hatte bereits zu Beginn seiner Rede aus Protest den Saal verlassen. Netanjahu hielt einen Funkmeldeempfänger in die Luft, einen Pager. Begleitet von Jubelrufen und Beifall der israelischen Delegation erklärte er mit einem Lächeln: »Ich sage Ihnen was, die Hisbollah wird sich sicherlich an sie erinnern.« Dieser kleine »Showeffekt« war Teil von militärischen Erfolgsmeldungen Netanjahus darüber, wie Israel die Hamas zerbombt und auf die Hisbollah »eingeprügelt« habe und das so lange fortsetzen werde, bis Israel sicher sei und seine Verbündeten auch. Sein Land kämpfe selbst »für die moralischen Feiglinge, die die Halle verlassen« hätten.
Im Libanon erinnerten Angehörige, Freunde und Unterstützer der Hisbollah, Ärzte und medizinisches Fachpersonal, Eltern, Kinder und Nachbarn in den letzten Septembertagen daran, was am 17. und 18. September 2024 geschehen war. Am ersten Tag explodierten Tausende Pager, die in Kliniken, Hotels und Fabrikanlagen zur internen Kommunikation genutzt werden. Viele Libanesen im Umkreis der Hisbollah nutzen diese kleinen Geräte auch, weil Israel die gesamte Mobil- und Internetkommunikation des Libanon ausspioniert. Am zweiten Tag explodierten Dutzende Walkie-Talkies – in Wohnhäusern, Geschäften, auf Märkten und an Arbeitsplätzen.
Ein am Montag abend in Teilen von Israels Militärzensur freigegebenes Interview, das Channel 12 vor 18 Monaten mit dem damaligen Verteidigungsminister Joaw Gallant geführt hatte, bringt neue Details ans Licht. Demnach habe die israelische Führung in der ersten Augustwoche 2024 erfahren, dass ein Hisbollah-Mitglied misstrauisch gegenüber den Pagern geworden sei und begonnen habe, diese zu untersuchen. Man habe ihn auf die Eliminierungsliste gesetzt, und »wir haben ihn eliminiert«, es aber wie einen Kollateralschaden aussehen lassen, so Gallant. Anschließend vom Iran an Libanon geschickte Test- und Scangeräte seien ebenfalls zerstört worden. Das Ergebnis dieser Erkenntnisse sei gewesen, »dass man in eine Situation gerät, in der man entweder aktiv oder innerhalb kurzer Zeit entlarvt wird«. Der Angriff sei seit mehr als zehn Jahren geplant gewesen, so Gallant, der das Ergebnis als »sehr beeindruckend« bezeichnete.
Als Netanjahu im November 2024 bestätigte, dass Israel für den Angriff verantwortlich gewesen sei, hieß es, man habe ausschließlich Hisbollah-Kämpfer und -Ziele »eliminiert«. Menschenrechtsorganisationen und Vertreter des UN-Menschenrechtsrates verurteilten die Angriffe als »Kriegsverbrechen«. Die meisten der Opfer seien Zivilisten, darunter auch Kinder, gewesen. Mindestens 42 Menschen wurden getötet, mehr als 3.400 verletzt. Die Überlebenden erlitten teilweise schwerste Verletzungen an Händen, im Gesicht und an Augen, viele erblindeten.
Ermöglicht wurde der Angriff von Palantir. Die Software des Überwachungskonzerns, seine sogenannte künstliche Intelligenz, war direkt in die Angriffe auf Palästinenser im Gazastreifen nach dem 7. Oktober 2023 involviert. Ein knappes Jahr später wurde Palantir auch bei der Pager-Attacke im Libanon eingesetzt. Detailliert beschrieben wird das Vorgehen des israelischen Geheimdienstes in einem im vergangenen November veröffentlichten Buch über Alex Karp, Mitbegründer und Geschäftsführer von Palantir. »Die Technologie des Unternehmens wurde von den Israelis während der Militäroperationen im Libanon im Jahr 2024 eingesetzt, die die oberste Führung der Hisbollah dezimierten. Sie kam auch bei der Operation ›Grim Beeper‹ zum Einsatz«, bestätigte Autor Michael Steinberger. »The Philosopher in the Valley. Alex Karp, Palantir and the Rise of the Surveillance State«, so der Titel des Buches. Auf deutsch etwa: »Der Philosoph aus dem Tal (Silicon Valley) – Alex Karp, Palantir und der Aufstieg des Überwachungsstaates«. Das Unternehmen stehe »stolz hinter der US-Regierung«, so Karp. Er persönlich sei zudem »stolz darauf, dass wir Israel auf jede erdenkliche Weise unterstützen«. Eine deutsche Übersetzung des Buches liegt nach Wissen der Autorin (noch) nicht vor.
Die libanesische Tageszeitung Al-Akhbar schrieb unter Bezugnahme auf die Biographie, in die Funkmeldegeräte sei ein hauchdünner Chip eingebaut worden, nicht dicker als ein Blatt Papier. Der Chip sei in die (Lithium-)Batterie der drahtlosen Geräte integriert worden und der eigentliche Sprengsatz gewesen – mit der Stärke einer Bombe. Das verwendete Material stamme nicht aus Israel, sondern sei in einer militärischen Einrichtung der US-Armee hergestellt worden, die sich in den USA befände. Die Wirkung sei verschiedentlich schon geprüft worden. Konkret wurde die Ermordung von Jahja Ajasch genannt. Ajasch gehörte der Hamas an und wurde im Januar 1996 durch einen ferngesteuerten Sprengsatz in seinem Mobiltelefon getötet. Geheimdienste weltweit würden solche Sprengvorrichtungen benutzen, so Al-Akhbar weiter. Sie seien »inhärentes strukturelles und grundlegendes Merkmal von Geheimdiensten«. Israel allerdings kenne keine Grenzen dafür, wie weit eine solche Täuschung gehen könne.
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Onlineabonnent*in Ulrich H. aus B. 1. Okt. 2026 um 21:22 UhrMichael Steinberger, Der Unsichtbare: Tech-Milliardär Alex Karp, Palantir und der globale Überwachungsstaat, Aristonverlag, 26 Euro
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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