Die stille Zerstörung
Von Malika Salha
Kfar Kila ist heute fast vollständig zerstört. Es handelt sich um ein Dorf im Süden des Libanon an der Grenze zu Israel – eine Grenze, die den Alltag seit jeher bestimmt. Einzelne Orte oder ganze Regionen erhalten regelmäßig »Evakuierungsanordnungen« des israelischen Militärs: Flugblätter, die Bewohner dazu auffordern, ihre Heimatorte zu verlassen. Angriffe folgen trotz einer seit November 2024 geltenden Waffenruhe – laut Militär auf Ziele der libanesischen Hisbollah.
Die meisten Menschen in Kfar Kila folgten der Aufforderung. Tage zuvor hatte es Bomben geregnet, allen war bewusst, dass es eine Entscheidung zwischen Flucht oder Tod war. Seit der »Waffenruhe« forderte der Krieg laut dem Gesundheitsministerium in Beirut rund 350 Menschenleben, auch mindestens vier der in Kfar Kila verbliebenen Einwohner wurden getötet. Nach islamischem Brauch finden Beerdigungen innerhalb der ersten drei Tage nach dem Tod statt. Durch die Vertreibungen verzögern sie sich, bis Familien kurzzeitig in ihre Dörfer zurückkehren und die Leichen ihrer Angehörigen bergen können. Bis dahin vergehen meist mehrere Monate. Finden die Beerdigungen statt, so fährt ein Krankenwagen mit dem geborgenen Körper durch das Dorf, um des im Krieg Getöteten zu gedenken. Regelmäßig werden die Sanitäter und die Krankenwagen sowie die Beerdigungen selbst bombardiert oder von israelischen Drohnen begleitet.
In Kfar Kila sind laut Berichten von Amnesty International 52 Prozent der Infrastruktur des Dorfes zerstört. In Jarin, Daraja und Bustan sind über 70 Prozent der Strukturen vernichtet, sieben von 24 Grenzdörfern gelten als vollständig zerstört. In eben jenen Ortschaften im Süden leben insbesondere Libanesen, die 1948 aus Nordpalästina vertrieben wurden. Eine Generation erlebt nun eine zweite Vertreibung durch Israel in der neu gewachsenen Heimat im Südlibanon. »Ich konnte weder mein Haus noch irgendwelche anderen Häuser finden! Ich fand nur Trümmer, Zerstörung und Steine auf dem Boden«, erinnerte sich Seinab in dem im August veröffentlichten Amnesty-Bericht »Nowhere to Return. Israels extensive destruction of Southern Lebanon«. Sie musste das Dorf bereits Ende 2023 infolge der heftigen Bombardements verlassen und kehrte erstmals im November 2024 zurück.
Ich treffe Ahmed aus Kfar Kila. Als er Anfang 2025 für kurze Zeit in das Dorf zurückkehrte, musste er ähnliches erfahren. »Sie haben die Olivenbäume geklaut«, sagt er. »Mein Sohn hat ein Video auf Tik Tok gefunden. Siedler sind in unser Dorf gekommen, sie haben sich über die Zerstörung gefreut. Sie wurden von der Armee begleitet, obwohl nicht einmal wir zurückdurften.« Ahmed zeigt mir das Video. »Ich schaue es jeden Tag.« Insgesamt wurden mindestens 77 Aufnahmen und Fotos vom Militär selbst online verbreitet. Sie zeigen die systematische Zerstörung des Südens. Auch Adiba, 66 Jahre alt, schilderte Amnesty, wie sie online ein Video gefunden hatte, das die Zerstörung ihres Hauses zeigt. Soldaten feiern, lachen, posieren. Auch Adiba sagt, sie sehe sich das Video jeden Tag an.
Ahmed lebte zeitweise mit seiner Familie im etwa zehn Kilometer entfernten Nabatija, doch schließlich floh die Familie dauerhaft nach Beirut. Eine Rückkehr in ihr Dorf ist nicht möglich. Eine jahrhundertealte Familientradition des Olivenanbaus endet. Ahmed vermisst seine Olivenbäume: »Sie waren ein Teil unserer Familie.« Er hofft, eines Tages in den Süden zurückzukehren und wieder Oliven zu ernten. Auch Farrah Berrou aus Kfar Kila sprach in dem Amnesty-Bericht von »900 Bäumen, alle verschwunden«. Die Regisseurin beschreibt in ihrem Kurzfilm »Buffer Zone« die Vernichtung von allen Pinien- und Olivenbäumen in ihrem Dorf, das sie Ende 2025 ein letztes Mal besucht. Sie erkenne es nicht wieder, schrieb sie auf Instagram.
Allein zwischen Oktober 2024 und Januar 2025 wurden mehr als 11.000 Fälle der Zerstörung von Infrastruktur dokumentiert – Wasserversorgung, medizinische Einrichtungen, Verbindungsstraßen. Täglich verzeichnet die internationale »Blauhelmtruppe« UNIFIL etwa 27 Verstöße gegen die seit dem 27. November 2024 bestehende Waffenruhe. Die Hisbollah sowie weitere bewaffnete Gruppierungen haben sich bislang weitestgehend an das Abkommen gehalten. Laut Berichten von Journalisten, den Vereinten Nationen und Amnesty International hält die israelische Armee zudem illegal Stellung an mindestens fünf geostrategisch relevanten Positionen im Südlibanon. In Jarun wurde eine Mauer errichtet, die rund 4.000 Quadratmeter Land für Zivilisten sowie die libanesische Armee unzugänglich macht, wie UNIFIL Mitte November mitteilte.
Augenzeugen berichteten jW, dass israelische Panzer so neben UNIFIL-Stellungen positioniert würden, dass der Eindruck entstehe, sie seien bereit, nach einem möglichen Abzug der UN-Friedensmission Ende dieses Jahres den Süden zu besetzen. Seit Anfang Januar hat die Situation zwischen den UN-»Blauhelmen«, der libanesischen Armee und Israels Streitkräften ein neues Eskalationsniveau erreicht. UN-Mitarbeitende, Angehörige der libanesischen Armee und Journalisten berichten von vermehrten Todesdrohungen seitens israelischer Soldaten, gezielten Schüssen und der systematischen Verfolgung durch Drohnen. UNIFIL-Vertreter wurden mit Laserwaffen geblendet und verfolgt, israelische Soldaten eröffneten das Feuer auf eine gemeinsame Patrouille von UNIFIL und der libanesischen Armee in Mardschajun.
Auch im Südlibanon werden Journalisten gezielt angegriffen: Am Montag wurde Scheich Ali Nur Al-Din vom israelischen Militär in Tyros getötet. Seit 2023 sind mindestens 19 Medienschaffende auf diese Weise ums Leben gekommen. Al-Dins Familie bezeichnete es in einer Erklärung als »eklatantes Verbrechen«. Weiter hieß es: »Die gezielte Verfolgung von Journalisten verstößt gegen das Völkerrecht und zielt darauf ab, freie Stimmen zum Schweigen zu bringen.« Und Kfar Kila bleibt als eines von sieben Grenzdörfern im Südlibanon bis heute unbewohnbar.
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