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Gastgewerbe & Lebensmittelhandwerk

Wirklich lebensfeindlich

Ruinöse Bedingungen für Azubis im Gastgewerbe und Lebensmittelhandwerk

Foto: Sebastian Kahnert/dpa
Die Berufsmesse »Karrierestart« ward gesungen: Lebensmittelhandwerk bockt nicht (Dresden, 19.1.2024)

Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Davon können Auszubildende im Gastgewerbe und Lebensmittelhandwerk wie Macheath eine Ballade singen. Nur dass viele von ihnen das Essen erst zubereiten und dafür ihre Kräfte überstrapazieren müssen, schließlich aber nicht oder nur dürftig honoriert werden. Eine Sonderauswertung des Ausbildungsreports 2026 des Deutschen Gewerkschaftsbundes durch die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) warf am Donnerstag ein Schlaglicht auf den Nachwuchs der Branche.

»Während bundesweit 50,6 Prozent der Auszubildenden von psychischen Belastungen berichten, sind es im Hotel- und Gastgewerbe 64,7 Prozent und im Lebensmittelhandwerk 62,3 Prozent«, kritisierte die NGG am Donnerstag. Mit 49 Prozent müsse fast jeder zweite im Hotel- und Gastgewerbe regelmäßig Überstunden leisten; mit 24,6 Prozent arbeite fast jeder vierte regelmäßig mehr als 40 Stunden pro Woche. »Häufig oder immer« käme zudem fast die Hälfte »krank beziehungsweise trotz gesundheitlicher Beschwerden zur Arbeit«. Das Resultat: »Die Ausbildungszufriedenheit liegt mit 55,9 Prozent deutlich unter dem Durchschnitt von 65,7 Prozent.« Ähnlich ruinös sind auch die Belastungen im Lebensmittelhandwerk: »31,9 Prozent leisten regelmäßig Überstunden, 24,5 Prozent fühlen sich überfordert und 26,5 Prozent haben bereits häufiger über einen Ausbildungsabbruch nachgedacht.« Die Ausbildungsqualität würde derweil »schlechter bewertet als im Durchschnitt«.

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Alltag seien Personalmangel und Arbeitsverdichtung für viele Azubis, resümierte Claudia Tiedge, stellvertretende Vorsitzende der NGG. Sie räumte auf mit der Mär des faulen Nachwuchses: »Junge Menschen wollen arbeiten und sich eine Zukunft aufbauen. Wer aber schon in der Ausbildung ständig unter Zeitdruck steht, Überstunden macht oder krank zur Arbeit geht, verliert irgendwann die Kraft.« Ob die Jugend ihren angepeilten Beruf später ausübte oder hinschmisse, sei maßgeblich von »fairen Arbeitszeiten, guter Ausbildungsqualität und Gesundheitsschutz« abhängig. Das alles gebe es »dort, wo Arbeit tariflich geregelt ist«. Mehr noch: »Auszubildende brauchen eine starke Stimme im Betrieb.« Darum ruft die NGG die Ausbildenden dazu auf, sich an den Wahlen für die Jugend- und Auszubildendenvertretungen am 1. Oktober zu beteiligen oder sich aufstellen zu lassen.

Den Branchenprimus Dehoga (Deutscher Hotellerie- und Gastronomieverband) scheren solche Warnungen freilich nicht. Dessen Mitglieder betrachten Azubis zunächst als billige Arbeitskräfte, die man nach Bedarf verschleißen kann. So kommt es auch, dass der Dehoga emsig die Aufweichung des Achtstundentags unterstützt: »Das starre deutsche Arbeitszeitgesetz muss dringend an die Lebenswirklichkeit angepasst werden«, heißt es auf dessen Internetseite. Allerdings ist diese Lebenswirklichkeit schon heute lebensfeindlich – und würde, ginge es nach den Chefs, sehr bald lebensgefährlich.

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Erschienen in der Ausgabe vom 25.09.2026, Seite 5, Inland

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