Klassenkampf statt Leistung
Ungleichheit in der Wohlstandsverteilung
Seit 2015 sinkt sie wieder, die Lohnungleichheit in der BRD: Damals machte das Schlusslicht der Spitzenverdiener (neuntes Dezil) in Vollzeit etwa dreieinhalbmal soviel Asche wie der Spitzenverdiener der Schlusslichter (erstes Dezil); 2024 war es nur noch das 2,9fache. Einkommensgerechtigkeit – ein feuchter Traum linker Sozialdemokraten – ergibt sich daraus leider nicht, wie der 40. Verteilungsbericht des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) am Donnerstag offenbarte. Im Gegenteil ist die Einkommensungleichheit, so die Daten, im selben Zeitraum um rund fünf Prozent gestiegen, so dass ein Spitzenverdienerschlusslicht heute über 3,67mal soviel Asche verfügt wie ein Schlusslichtspitzenverdiener. Deutschland ist eben keine Schichten-, sondern eine Klassengesellschaft: Lohnarbeit macht Kapitalisten und ihre Günstlinge reich, nicht Malochis.
Diese Ausbeutung funktioniert, dass es kracht. Die Armutsquote – der Anteil jener Menschen, die über weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens verfügen – sei seit 1992 von zwölf auf 17,3 Prozent emporgeschnellt. Vulgo: Fast 14 Millionen arme Seelen müssen zusehen, wie sie Monat für Monat zurechtkommen, Alleinstehende mit nicht einmal 1.600 Euro. Stellung eingebüßt habe vor allem die »untere Mitte«, deren Anteil parallel von 38 auf 32,7 Prozent geschrumpft sei. Folgende Ursachen benennt das WSI: weniger Umverteilung durch Kürzungen von Sozialleistungen sowie Rente, bewusste Ausdehnung des Niedriglohnsektors im Zuge der »Agenda 2010« und mehr Teilzeit gerade unter Geringverdienern, »oft als Folge unzureichender Kinderbetreuungsmöglichkeiten«. Die Prekarisierung immer größerer Teile der Bevölkerung ist schlicht der soziale Preis für die Standortprogramme der vergangenen Dekaden.
Stellt Bundeskanzler Friedrich Merz dem BRD-Kapital wie zuletzt auf dem »Arbeitgebertag« Mitte Oktober sinkende Körperschaftsteuern in Aussicht und schwört dabei die Jugend darauf ein, wieder in einem Land zu leben, »in dem man sich durch Leistung etwas aufbauen kann«, sind alle Menschen unterhalb des Medianeinkommens gut beraten, sich derlei Standortnationalismus nicht einleuchten zu lassen. Was besagte Malochis tatsächlich vor noch ruinöserer Verelendung bewahrt hat, ist laut WSI nämlich die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns gewesen. Den gibt es zwar vom Chef, aber nur gegen sein Willen. Überspitzt: Jedes bisschen Klassenkampf lohnt sich mehr als 40 Stunden emsige Lohnarbeit.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
