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Nach der Wahl in Berlin

Ein klarer Auftrag

Berlin: Linkspartei deutlich stärkste Kraft. CDU trotz Verlusten im Rennen um das Rathaus. SPD und Grüne bringen »Antisemitismus«-Vorwurf gegen Linke in Stellung

Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Krach wartet: Linke-Funktionäre feiern am Sonntag im Festsaal Kreuzberg die erste Prognose

Die Linkspartei hat die Abgeordnetenhauswahl in Berlin deutlicher gewonnen, als es die Umfragen erwarten ließen – aber doch auch nicht so eindeutig, dass kein Weg an ihr vorbei führt. Mit 25,7 Prozent und einer größer gewordenen, nun 47 Mitglieder umfassenden Fraktion im Landesparlament hätte die Partei mit den Abgeordneten der SPD und der Grünen eine komfortable Regierungsmehrheit. Allerdings gibt es rechnerisch auch für die CDU trotz des Absturzes auf noch 18,8 Prozent und 34 Mandate die Möglichkeit, mit Sozialdemokraten und Grünen eine Regierung mit eigener Mehrheit im Abgeordnetenhaus zu bilden.

Um diese zwei Möglichkeiten wird sich in den kommenden Tagen und Wochen die Berliner Landespolitik drehen. Es unterliegt keinem Zweifel, dass es gut organisierte Interessengruppen gibt, die die Union unter allen Umständen im Rathaus halten wollen. Zugleich muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass in der Linkspartei ein Werben um die Gunst von SPD und Grünen einsetzt, bei dem sowohl zentrale Wahlkampfversprechen als auch palästinasolidarische Mitglieder, die inzwischen wie selbstverständlich als »antisemitisch« adressiert werden, zur Disposition gestellt werden.

Am Montag bekräftigte die Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp gegenüber dem RBB erst einmal, dass sie mit dem »Auftrag« der Vergesellschaftung »ganz klar in die Gespräche rein« gehe. Mit SPD und Grünen gebe es die »meisten Schnittstellen«. Auf den ersten Blick scheint es, als könne die Linkspartei in Berlin aus einer Position der Stärke verhandeln. Sie hat ihren Stimmenanteil mehr als verdoppelt und ist zum zweiten Mal in ihrer Geschichte – nach Thüringen 2019 – stärkste Kraft in einem Landesparlament geworden. Sie hat die für die Geschichte der Partei in Berlin lange charakteristische Ost-West-Trennung beim Wählerzuspruch aufgebrochen, die eigene Wählerschaft stark verjüngt. Sie erzielt ihre stärksten Ergebnisse nun in Teilen des ehemaligen Westberlin, hat die Grünen als »Innenstadtpartei« zum Teil abgelöst und stützt sich dabei insbesondere auf Wähler, für die die Merkmale »jung/höherer Schul- bzw. Bildungsabschluss/finanziell nicht abgesichert« charakteristisch sind. Zugleich gelang es der Partei, den weit fortgeschrittenen Prozess der Auflösung ihrer einstigen Stammwählerschaft in Ostberlin zu stoppen (wenn auch nicht umzukehren, wie etwa das Ergebnis in der alten PDS-Hochburg Marzahn-Hellersdorf zeigt, wo sich die AfD als stärkste Kraft etabliert hat).

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Alle anderen Parteien – sieht man einmal von der AfD ab, die ihr Ergebnis von 9,1 auf 16,3 Prozent steigern konnte, aber für die Regierungsbildung keine Rolle spielt – wurden mehr oder weniger stark gerupft. Das gilt besonders für die SPD, die mit 12,1 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Nachkriegswahl in Berlin erzielte. Die Partei, die seit 1989 ununterbrochen dem Senat angehört, ist nur noch fünftstärkste Kraft im Abgeordnetenhaus. Die ehemalige Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey hat den Einzug in das Landesparlament verpasst. Sie sprach anschließend von einer »Zäsur«, Spitzenkandidat Steffen Krach von einem »katastrophalen Ergebnis«. Krach schien am Wahlabend in der ARD sogar zu bezweifeln, dass es eine gute Idee ist, die nächste Regierungsbeteiligung anzustreben: »Wir haben das schlechteste Ergebnis jemals. Damit hat man keinen Regierungsauftrag.« Die SPD habe nach dieser Niederlage keine Forderungen zu stellen.

Am Montag allerdings trumpfte Krach wieder auf. Mit Blick auf mögliche Koalitionsgespräche verlangte er von der Linkspartei ein »klares Bekenntnis gegen Antisemitismus«. Das erwarte er auch »von all den Mitgliedern, die auch in der Fraktion der Linkspartei sind«. SPD-Koparteichefin Bärbel Bas dozierte, es sei eine schwierige Situation, mit einer Partei zusammenzuarbeiten, die in Teilen »antisemitisch unterwegs« sei. Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf sagte dem RBB, die Linken müssten »diese problematischen Teile ihrer Partei in die Schranken weisen«.

Es ist also schnell verstanden worden, was für ein Hebel den Wahlverlierern hier in die Hand gegeben wurde: Damit kann wahlweise die Linkspartei diszipliniert oder der Verbleib der CDU im Rathaus legitimiert werden. CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers signalisierte am Montag, seine Partei sei »zu jedem Zeitpunkt mit den Parteien der gesellschaftlichen Mitte gesprächsbereit«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.09.2026, Seite 4, Inland

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→ Leserbriefe
  • Joachim Becker 23. Sept. 2026 um 10:13 Uhr
    Nach der Wahl ist vor der Wahl. Es wird sich so oder so nichts ändern. Weder in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern noch in Berlin. Das wirkliche Übel ist das kapitalistische System. Und das muss mit der Wurzel beseitigt werden.
  • Rayan 22. Sept. 2026 um 08:49 Uhr
    Auch die Berliner Linkspartei ist tot, existiert nur als Zombie, der das Jahrzehnte lang für die SPD supi funktionierende Geschäftsmodell »immer schön links blinken, dann scharf rechts abbiegen« übernommen hat. Den erneuten Beweis dafür hat die Spitzenkandidatin bereits im Wahlkampf erbracht, wenn es ihr möglich war, bereits da auf die widerlichen Antisemitismus-Diffamierungen der tatsächlichen Antisemiten gegen große Teile der Parteibasis zu reagieren, in dem sie sich zwar in Worten vom Antisemitismus, im Kontext aber genau von diesen übel angegriffenen Parteifreund:innen »distanzierte«. Der aktuelle Spin des Klassenfeinds, der Schranzen des Kapitals, zielt darauf, ja keinen Lazarus-Effekt zu riskieren, d.h. dafür zu sorgen, dass der Zombie auch wirklich tot bleibt. Das funktioniert genau dann, wenn die Parteispitzen dem Antisemitismus-PR-Getröte weiterhin so zuverlässig zu Füßen kriechen, aber vor allem, wenn sie mit dafür sorgen, dass sie ihr eigenes großes Wahlversprechen der Umsetzung des Volksentscheids zur Enteignung der Mietenabzocker brechen, also nach dem wilden Linksgeblinke dreist rechts abbiegen. Und das geht schließlich bei der aktuellen Konstellation super einfach, super leicht gesichtswahrend, denn das Ding landet ja so oder so entweder für Jahre und Jahrzehnte in Karlsruhe (»sorry, wir wollten ja … ABER der RECHTSSTAAT(tm)!!1!11«) oder wird mittels des mit der seither gut genutzten Zeit, d.h. durch Massenhirnwäsche vorbereiteten, neuen Volksentscheids begraben (»sorry, wir wollten ja … ABER die DEMOKRATIE(tm)!!1!11«). Ein tatsächlich wiederbelebter Zombie, der dann ja keiner mehr wäre, würde beides nicht zulassen, würde sagen, was ist, und tun, was nötig wäre (»nix Rechtsstaat, nix Demokratie, alles die übliche, verlogene Heuchelei des präfaschistischen Unrechtsregimes der Diktatur des Kapitals. Raus auf die Straßen zum politischen Generalstreik!«). Wird mit Sicherheit nicht passieren, denn der Zombie ist dafür viel zu tot.
  • Onlineabonnent*in Andreas E. aus S. 22. Sept. 2026 um 05:49 Uhr
    Ob das gut geht? Eralp hat in den Wochen und Monaten viel versprochen, jetzt geht es ans Einlösen … Neben der Vergesellschaftung der Wohnungskonzerne kommen die versprochenen Kiezkantinen und und und. Und alles kostet Geld. Wowereits Ausspruch zu Berlin: »Arm aber sexy« hat nichts an Bedeutung verloren, na ja vielleicht beim »sexy«. Und das wird der entscheidende Punkt – was ist, wenn ein dann im Senat sitzender Finanzsenator (egal ob von der SPD oder von den Grünen) ablehnt? Wo will Eralp denn sparen? Als Erstes bei den Gehältern der Landesbediensteten in den höheren Gehaltsklassen? Bei den Zuwendungen für die Fraktionen im Abgeordnetenhaus? Das steht sicher nicht als Erstes auf der Streichliste. Also geht es weiter im Sparkurs gegen alles, was Berlin noch so hat – BVG, BSR, BWB … Und damit trifft es mal wieder die Bürgerinnen und Bürger Berlins. Ach – und übrigens – enteignen heißt für mich: wegnehmen und nicht noch Millionen als Ausgleich für »entgangene Werte« den Konzernen hinterherwerfen. Das wäre Kaufen … Übrigens war es auch die Partei »Die Linke«, die dem Verkauf des städtischen Wohnungseigentums an »Deutsche Wohnen« und Co. vor vielen Jahren zustimmte und damit der Mietenspekulation Tür und Tor öffnete. Das soll jetzt faktisch mit Steuergeldern wieder rückgängig gemacht werden. Die nächsten Monate werden lustig in Berlin. Ob das Eralp fünf Jahre durchhält?
    • Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 22. Sept. 2026 um 11:09 Uhr
      Die zweite sozialdemokratische Partei in Deutschlands Parlamenten erhält nun wieder die Möglichkeit zu beweisen, dass man nicht gleichzeitig auf zwei Hochzeiten tanzen kann: Die Interessen der Werktätigen und des Kapitals gleichermaßen zu bedienen. Die einst große SPD ist daran gescheitert und zu einem Bettvorleger des Großkapitals verkommen. Es wird wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis sich große Versprechen in Richtung des Volkes in opportunistische Verbeugungen zum Kapital hin verwandeln. Mit den ersten Abwendungen vom Prinzip der unteilbaren proletarischen Solidarität mit den Geknechteten dieser Welt hat das Ganze schon begonnen. Denn auch die in Gaza sind Geknechtete. Daran ändert sich gar nichts, wenn die Knechtenden aus Israel stammen und die Interessen des internationalen Großkapitals bedienen.
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