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Ballett

Zwischen Ach und Krach

Liebe und Ungleichheit: Das Staatsballett Berlin zeigt »Giselle«, das Hamburg Ballett »A Cinderella Story«

Foto: Hamburgische Staatsoper/Kiran West
Dynamisch-akrobatisch: Ballerinos vom Hamburg-Ballett in »A Cinderella Story«

Am Anfang ist hier nicht das Wort, sondern der Wind. Die Natur. Rau und ungebändigt. Im Dunkeln hört man die Geräusche eines Wintersturms, und noch bevor der Morgen graut, fällt Schnee. Es wird düsterhell, typisch für einen harten Wintertag. Ein Trauerzug kommt vorbei. Noch immer stürmt es. Ein Mann und seine gerade erwachsen gewordene Tochter stehen vorn in der Mitte an einem Grab. Die Verstorbene war ihre Ehefrau und Mutter. Dieser Anfang von »A Cinderella Story« von John Neumeier beim Hamburg-Ballett ist der bestmögliche Beginn für ein Ballett.

Denn die Situation der Beerdigung, gekreuzt mit dem Unwetter, symbolisiert die innere Unruhe, die traumatisierte Psyche der hinterbliebenen Tochter Cinderella. Vielleicht ahnt sie, dass ihr Leben bald eine dramatische Wendung erfährt: vom verwöhnten Töchterchen zur entrechteten Stieftochter. Trotzdem gelingt dem Aschenbrödel der soziale Aufstieg: dank der Liebe zu einem Prinzen, der auch sie liebt.

Mit gefeierten Debüts in den Hauptrollen eröffnete das Hamburg-Ballett mit »A Cinderella Story« am vergangenen Sonntag die Saison. Die zarte, biegsame, sowohl elegante als auch kindhafte Charlotte Larzelere ist in der Titelrolle perfekt besetzt. Neumeier hat die Geschichte in die 20er Jahre verlegt und aus dem Prinzen (zum Verlieben: Callum Linnane) einen Hobbykünstler gemacht. Ansonsten steht der teils parodistische Stil dieses Balletts sowohl der Damen- als auch der Herrenwelt hervorragend. Und: Die Ballerinen zeigen erstmals seit Jahrzehnten in Hamburg wieder seidig glänzende statt gepuderte Spitzenschuhe.

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In »Giselle« von Patrice Bart beim Staatsballett Berlin glänzen die Schuhe der Damen ebenfalls, vor allem im nebligen Wald im zweiten Akt. Hier tanzen seit vergangenem Sonnabend wieder die Wilis, also Geister verführter und dann sitzen gelassener junger Frauen. Unter der Herrschaft der gefühlskühlen Myrtha – getanzt von Vera Segova, in einer weiteren Besetzung: Leroy Mokgatle – treiben sie wahllos Männer in den Tod. Rache hatte nie hübschere Gesichter als hier im von Heinrich Heine inspirierten Ballett von 1841. Patrice Bart, als Assistenz von Rudolf Nurejew geschult, würzte 1996 den Stoff mit psychologischen Details.

So ist Barts Titelheldin herzkrank, sie stirbt wörtlich am gebrochenen Herzen, als sie erfährt, dass ihr Geliebter ein Herzog und verlobt ist. Haruka Sassa tanzt die Giselle mit aller Hingabe und allem Liebreiz, aller Freude und allem Schmerz im Ausdruck, wie es romantische Tradition und immer wieder erlebenswert ist. David Motta Soares, früher am Bolschoi-Ballett in Moskau, ist ihr Partner: Glaubhaft triumphiert seine Vitalität in technischen Finessen wie in feinfühliger Darstellung. Robert Reimer am Pult unterlegt den Liebestanz zwischen Ach und Krach bestens mit der Musik von Adolphe Adam.

Gemeinsam ist den Stücken ihr Grundkonflikt: Eine unterdrückte Frau liebt einen Mann, der gesellschaftlich höher steht. Die Liebe zwischen sozial Ungleichgestellten ist nicht selten das Sujet im Ballett. In »Giselle« und »Cinderella« gibt es kontrastierende Auflösungen. Cinderella steigt durch Heirat auf. Das freut in der Neumeier-Version von 1992 auch ihren Vater: Er emanzipiert sich von der bösen zweiten Gattin und ihren Töchtern, die für Cinderella eine Folterfamilie waren. Vogelgezwitscher zur von Dirigent Simon Hewett tief ausgeloteten Musik von Sergej Prokofjew sowie ein Geschwader »Vogelgeister« – delikate Männlichkeit mit Schnabelmaske an nacktem Oberkörper – verbinden Mensch und Natur.

Giselle hingegen muss erst sterben, damit ihr adliger Galan bemerkt, dass er auch sich selbst um die Liebe betrogen hat. Als er sie dann im Wald als Geist im wehenden Tüll trifft, muss er für seine Herzlosigkeit büßen. Myrtha verurteilt ihn zum Tode. Doch Giselle darf ihn retten, mit ihm die ganze Nacht tanzen. Liebe als spirituelle Inspiration, die Kraft für außergewöhnliche Taten gibt. Und man denkt darüber nach, warum Menschen die sozialen Abstände zwischen sich nicht endlich zerstören.

→ »Giselle« am Staatsballett Berlin: 20.9., 4.10., 8.10.

→ »A Cinderella Story« am Hamburg-Ballett: 17.9., 18.9., 14.10.

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.09.2026, Seite 10, Feuilleton

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