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Kino

Ein schlimmer Verdacht

Familie im Abgrund: Marie Kreutzers Film »Gentle Monster«

Foto: Frédéric Batier/Film AG/Alamode Film
Lucy (Léa Seydoux) sucht Schutz und Rat bei ihrer Mutter Eloise (Catherine Deneuve)

Auf der Suche nach Ruhe und innerem Frieden sind Pianistin Lucy (Léa Seydoux) und Filmemacher Philip (Laurence Rupp) zusammen mit ihrem kleinen Sohn Johnny (Malo Blanchet) von der Stadt aufs Land gezogen. Das alte Haus mit dem großen Garten, wiederholt vor der dörflichen Kulisse mit dem Kirchturm ins Bild gesetzt, mutet idyllisch an. Wenn die drei auf dem Futon schlafen, spürt man Geborgenheit. Gleichzeitig liegt eine untergründige Spannung in den Szenen vertrauten Familienlebens. Wenn Lucy, die als klassisch ausgebildete Pianistin bekannte Popsongs neu interpretiert, »Would I lie to you« anstimmt und Philip nebenan eine Panikattacke erleidet, ist das ein Verweis auf Kommendes, ein Hinweis darauf, dass der Neubeginn kein unschuldiger sein wird. Etwas Verborgenes begleitet die Familie.

Ein Schock, als auf einmal Sonderermittler der Münchner Kriminalpolizei mit einem Durchsuchungsbefehl vor der Tür stehen und Philips Rechner beschlagnahmen. Offensichtlich hat der Verdächtige unter dem Chatnamen »Gentle Monster 87« jahrelang kinderpornographische Inhalte geteilt. Ob er selbst Kinderpornographie produziert, Kinder vergewaltigt hat, bleibt unklar und ist Gegenstand der polizeilichen Ermittlungen, die sachlich und konzentriert von der jungen Kommissarin Elsa (Jella Haase) durchgeführt werden. Lucy, als Französin zwischen den Sprachen und Kulturen fremdelnd, ist nach anfänglicher emotionaler Erschütterung hin- und hergerissen, verarbeitet ihre widersprüchlichen Gefühle in Musik (arrangiert von der französischen Sängerin Camille). Sie zieht vorübergehend zu ihrer Mutter Eloise (Catherine Deneuve). Das Vertrauen zu Philip ist zerstört, erzeugt weitere Verdächtigungen, zieht weitere Krisen.

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Die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer inszeniert in »Gentle Monster« den Vertrauensverlust als intensives Liebesdrama inmitten einer großen Verunsicherung. Realistisch, anhand genau definierter Schauplätze und einer auf präziser Beobachtung beruhenden offenen Erzählweise führt sie den Zuschauer in einen Abgrund direkt unterhalb der zerbrechlichen Oberfläche der Normalität. Bekanntes wird fremd, Vertrauen verwandelt sich in Misstrauen. Der mimische Ausdruck der Gesichter betont die Zwiespältigkeit. Die Parallelgeschichte mit dem sexuell übergriffigen Vater der Polizistin, die gewissermaßen zur spiegelbildlichen Verbündeten Lucys wird, hätte es nicht unbedingt gebraucht. Möglicherweise stellt diese Zuspitzung Männer unter Generalverdacht, die im Abgespann genannten Zahlen sprechen freilich eine deutliche Sprache.

→ »Gentle Monster«, Regie: Marie Kreutzer, Österrereich/Frankreich/BRD 2026, 115 Min., Kinostart: heute

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.09.2026, Seite 11, Feuilleton

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