Wer spielt, ist nicht tot
Hannes Zerbe, Jürgen Kupke und Heide Bartholomäus kreierten ein schillerndes »Nachtcafé« mit Jazz und Lyrik in der Berliner Maigalerie
Mal ist es hier wie unter einem Wasserfall aus mächtigen Wortgebilden, dann wieder sind es Kaskaden perlender Klänge, die sanft auf einen niederprasseln und beglücken: wie ein erfrischender Regen nach brütender Hitze. Das Programm »Nachtcafé«, gestaltet von Hannes Zerbe am Piano, Jürgen Kupke an der Klarinette und Heide Bartholomäus mit ihrer starken Stimme, vereint tiefsinnig-witzige Gedichte von Gottfried Benn mit hochkarätigem Jazz. Es erschien schon als CD, und in der Maigalerie der jungen Welt in Berlin-Mitte gab es am vergangenen Dienstag abend diese Mischung expressionistischer Dichtkunst mit harmonisch-disharmonischen Akkorden live zu hören.
Als Zerbe den diabolischen Tritonusakkord so verspielt wie in einem Ländler im Dreivierteltakt vorträgt und Kupke entsprechend munter tiriliert, sind die zahlreich erschienenen Zuhörer eins in ihrem Gefühl für die Musik. Heide Bartholomäus toppt die Emotionen mit hinreißend lebendig illustrierten Sätzen von Benn wie: »Kommt, reden wir zusammen / wer redet, ist nicht tot.« So wird das Publikum gedanklich dorthin mitgenommen, wo Benn es haben wollte. Ohne ein großes Gebabbel anzuleiern.
Ob Satire oder bitterer Ernst: Das Augenspiel der Schauspielerin Heide Bartholomäus und ihre Befähigung, die Tonart zu wechseln – von samtig-zart bis donnernd-scharf in der Stimme –, entsprechen den Bennschen Versen. Vorab aber erzählt die Künstlerin vom Leben des Dichters, der aus einem Dorf in der Prignitz in Brandenburg stammt. Als zweitältestes von acht Kindern eines protestantischen Pfarrers erlebte Benn in der Jugend bescheidene bis ärmliche Verhältnisse. Fürs Medizinstudium musste er kämpfen; aus finanziellen Gründen war es ihm nur an einer Militärakademie möglich.
Sein Doppelleben als Arzt und Dichter half Benn, die finstere Zeit der Nazidiktatur zu überleben. Als Schriftsteller war er, der sich nach kurzer Begeisterung für die Nazis von ihnen abwandte, allerdings ausgegrenzt. Nach dem Krieg sahen die Alliierten zunächst einen gefährlichen Mitläufer in ihm, ließen ihn dann aber gewähren. Soweit ist das bekannt. Als Zeitzeugin aus dem Osten weiß Heide Bartholomäus noch mehr. Oft wird nämlich verbreitet, in der DDR sei kein Buch mit Werken von Benn erschienen. Und das stimmt nicht: 1986 erschien, zu seinem hundertsten Geburtstag, im Verlag Volk und Welt ein Gedichtband. Titel: »Einsamer nie – Gedichte«.
Das wirkt nun weniger verwegen als vielmehr melancholisch. Benns erstes Buch, das 1912 erschien, hatte einen noch stärker düsteren Anklang: »Morgue und andere Gedichte«. Das Leichenschauhaus also inspirierte ihn, was vielleicht damit zusammenhing, dass er seine ersten medizinischen Erfahrungen in der gynäkologischen Pathologie in Berlin-Charlottenburg sammelte. Tatsächlich blieb der Tod in der Dichtkunst Benns ständiger Begleiter. Der Skandal, den die »Morgue« verursachte, verhalf ihm zudem zu früher Bekanntheit.
Kurz und knapp, dennoch verrätselt, sind Benns Gedichte. Marcel Reich-Ranicki sagte mal, auch er könne nicht alles von Benn verstehen. Die Musik von Zerbe hat es vielleicht leichter. Hannes Zerbes melodischer Stil ist charmant, schwärmerisch, sehnsüchtig, dann plötzlich spitz und pikierend. Er vermittelt oft etwas Scherzhaftes. Da wird niemand verschreckt oder geschockt. Auch nicht, als Jürgen Kupke mit seiner Klarinette bei einem Solo auf Wanderschaft geht und das Publikum, es umrundend, provoziert.
Gekonnt spießt Benn die Eigenarten und Schwächen der Menschen auf. Im »Restaurant« geht das so: »Der Herr da drüben bestellt sich noch ein Bier, / das ist mir angenehm, dann brauche ich mir / keinen Vorwurf zu machen.« Schließlich »zischt« das lyrische Ich auch noch eins. »Menschen getroffen« heißt ein anderes Poem, fast lapidar. Der Schluss aber ist so salomonisch wie der lang schwelgende Schlussakkord, den Zerbe und Kupke uns mit auf den Weg geben: »Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, / woher das Sanfte und das Gute kommt, / weiß es auch heute nicht und muss nun gehn.« Das ist so anrührend – gerade heutzutage. Danke.
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