-
2 Leserbriefe
- → Feuilleton
Es war einmal
Das Russische Haus in der Berliner Friedrichstraße wird geschlossen. Ein Requiem
Das kostbare Lomonosow-Porzellan mit Gold stand einst in der Foyervitrine im Russischen Haus in der Berliner Friedrichstraße. Jetzt ist es vermutlich in einem Auto unterwegs, im Ausland. Nur sieben Tage gestanden die deutschen Behörden Mitarbeitern des Russischen Hauses zu, dann sollten sie ausgereist sein. Sie wurden sozusagen aus dem Land gejagt. Sieht so deutscher Dank für jahrzehntelange, wertvolle Kulturarbeit aus? Diskret und kooperativ stiegen die Mitarbeiter in Autos und Flugzeuge. Vom Interieur des Hauses, darunter Gemälde, Musikinstrumente und Skulpturen, versuchten sie zu retten, was zu retten war. Wo wohl der Weihnachtsbaumschmuck jetzt ist?
Seit über vierzig Jahren, seit dem 5. Juli 1984, bot das Haus auf sieben Etagen großzügig Kunst und Kultur an, oft kostenlos. Von historischen und zeitgenössischen Kinofilmen bis zu wissenschaftlichen Ausstellungen. Die Töpferwerkstatt sei nicht vergessen. Der Regierung von Friedrich Merz taugte all das nicht. Unter dem dubiosen Beifall von CDU und SPD wurde ein Tempel des Wissens und der Schönheit ausgelöscht.
Sprachkurse, Theater, Konzerte – hier konnte man die russische Kultur erleben. Hochkarätige Künstler wie das Pianistenduo Jana und Philipp Subbotin (»Duo Eleganza«) wurden nach Berlin geholt. Mozart und Tschaikowski erklangen.
Der Hass errang nun einen Sieg. Der Anlass: eine dilettantisch mit einer Konservendose bestückte Sprengstoffdrohne, die nahe dem Flughafen Leipzig/Halle gefunden wurde. Beweise dafür, dass die Weltmacht Russland das impotente Ding dort plazierte, gibt es nicht. Merz-Deutschen genügt der willkürliche Verdacht. Russland soll ausgegrenzt werden. Die Kulturbanausen wissen nicht, was sie tun.
Der »Sprachklub für Russischlernende: Russisch an der Spree« von Anastasia Galkina im Russischen Haus war legendär. Zuletzt, am 2. September 2026, diskutierten Deutsche, Mexikaner, Ukrainer und Amerikaner auf russisch über ihre Erfahrungen mit bildender Kunst. Muss man so etwas verbieten?
Doch die Wolken zogen sich langsam zusammen. Bereits im Juni beendete Pawel Iswolskij, seit 2017 Leiter der Einrichtung, seine Tätigkeit, er reiste nach Moskau aus. Hintergründe dazu drangen nicht an die Öffentlichkeit. Vielleicht war die im April eröffnete, berührende Ausstellung »Der unendliche Himmel« den Kriegstreibern im Land zu politisch? Sie war dem Schicksal zweier sowjetischer Piloten gewidmet, die 1966 den Freitod wählten, um ihr Flugzeug nicht auf ein Berliner Häusermeer stürzen zu lassen.
Russland wird nun die drei Goethe-Institute auf russischem Boden schließen, denn sie sind die vertraglichen Pendants zum Russischen Haus. Außenminister Lawrow in Moskau und Außenminister Wadephul in Berlin haben sich nicht mehr viel zu sagen. Wer von beiden wohl mehr Kultur hat?
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
