Kekse für den Kuchen
In Pauline Roennebergs Familienaufstellungsfilm »Kalter Hund« mussten sich die Schauspieler um die Glasur selbst kümmern
Familientyrann Hermann Mann schläft seit geraumer Zeit getrennt von seiner 30 Jahre jüngeren Frau Marianne (Corinna Harfouch). Doch scheint die Ehe nicht hoffnungslos zerrüttet zu sein. An seinem 100. Geburtstag will Marianne ihn morgens mit seinem Lieblingskuchen wecken: kaltem Hund. Zu ihrer Überraschung muss sie feststellen, dass der Temperaturunterschied zwischen ihrem Gatten und dem Gebäck gar nicht mehr so groß ist. Wutentbrannt zieht sie die Vorhänge wieder zu, sperrt also die Morgensonne aus, und zischt: »Arschloch!« Zwischen Hermanns Fingern hat sie eine leere Schachtel Schlaftabletten entdeckt.
Dann trudeln die Gäste ein. Als zweitwichtigste die beiden Kinder aus Hermanns erster Ehe. Außerdem, freudestrahlend begrüßt, die Tochter Valery mit Enkeltochter Fanny (Lea Drinda). Darüber hinaus anwesend sind der Bürgermeister, die Presse und Verwandtschaft, die sich schwer zuordnen lässt.
Noch weiß fast niemand, dass der vermeintliche Jubilar da oben in seinem Schlafzimmer mit dem herrlichen Blick auf die Berge nur 99 geworden ist. Wenig später erfahren es aber doch alle, und zwar alle auf einmal, als der Tote mit Sonnenbrille und Hut auf den Balkon geschoben wird, weil unten die Blasmusik aufspielt. Er fällt dabei leider kopfüber aus dem Rollstuhl. – Der Streit um das Erbe kann beginnen, zumal das Testament plötzlich unauffindbar ist. Und nach bewährter Krimirezeptur kommt auch schon sehr bald ein zweiter Toter ins Spiel. Also »Knives Out« in Oberbayern? Weit gefehlt!
Im Zentrum der Geschichte steht kein Ermittler. Es gibt auch nichts zu ermitteln. Die vertraute Hausärztin hat auf dem Totenschein das Kreuz an der richtigen Stelle gemacht: natürliche Todesursache. Also: Sargdeckel zu und fertig.
Was nun in den Mittelpunkt rückt, ist eine sogenannte Familienaufstellung. Dabei werden unter Leitung eines Therapeuten die familiären Konflikte in ungeübtem Auftritt artikuliert, allerdings nicht von den Familienmitgliedern selbst, sondern von anderen Personen, die sich in sie hineinversetzen. Das bedeutet, die halbe Blaskapelle rückt ein zweites Mal an (freilich ohne Instrumente).
Diese Aufstellung, bei der es mächtig zur Sache geht, zieht sich eine ganze Weile hin, und man ist als Zuschauer mal gerührt, mal peinlich berührt, manchmal aber auch amüsiert, bis die Großmutter, also Corinna Harfouch, dem ganzen Spuk beherzt ein Ende macht.
Das war jetzt vielleicht etwas missverständlich formuliert, soll aber die beträchtliche Eigenständigkeit der Darsteller während der Dreharbeiten ausdrücken. Die Schauspieler bekamen nämlich von Regisseurin Pauline Roenneberg nie einen fertigen Text, sondern immer nur eine Konzeption für die jeweilige Szene als Anleitung in die Hand gedrückt. Bildlich gesprochen: Die Kekse für den kalten Hund hat die Filmemacherin geschichtet – um die Glasur mussten sich die Mimen selbst kümmern.
Bei manchen Charakteren fragt man sich allerdings, welchen Sinn ihr Auftritt überhaupt hat. Besonders bei den beiden älteren Damen, die äußerst skurril gekleidet sind und kein Wort Deutsch sprechen, dafür aber ein sehr vornehmes Englisch.
Beim diesjährigen Filmfest München verriet die Regisseurin, dass ihre Großmutter vor Jahrzehnten ihre englische Verwandtschaft zum Mittagessen eingeladen hatte. In der Nacht vor dem großen Festmahl verstarb plötzlich und unerwartet ihr Mann. Er hatte sich zwar nicht umgebracht, dennoch war die Oma, wie sich die Regisseurin erinnert, »nicht amused«. Und genau wie im Film war es schließlich so, dass unten gegessen wurde, während oben die Leiche lag. Alle Eingeweihten hielten dicht. Nur fragten die Tanten von der Insel ständig: »Sollten wir nicht mal hochgehen und ihm Hallo sagen?«
Daher also die Idee. Doch ist das Schwarzhumorige nur die Würze für den Film. Nach der gescheiterten Familienaufstellung werden auf einmal völlig neue Wunden aufgerissen. Das überrascht. Denn bis eben noch gab es innerhalb der Familie zwei Fraktionen. Zum einen die beiden Kinder aus der ersten Ehe (die Mutter ist irgendwann in die Berge gegangen und nicht wiedergekommen) und auf der anderen Seite die Neue (Harfouch) mit Tochter und Enkeltochter. Und ausgerechnet diese drei zerfleischen sich jetzt. Das materielle Erbe spielt dabei überhaupt keine Rolle.
Die Regisseurin vergleicht die Beziehung der Frauen mit einem »Wasserfall, der in die falsche Richtung fließt«. Gemeint ist damit, dass die Mütter im Film emotionale Abhängigkeiten geschaffen haben, die dafür sorgen, dass sich die Töchter mehr um die Mütter kümmern als umgekehrt. Zudem hat sich der Therapeut, der von der gescheiterten Familienaufstellung, ungefragt im Haus eingenistet und geht allen auf die Nerven. – Da kann es nur von Vorteil sein, wenn die Familie nach wie vor ein vertrauensvolles Verhältnis zur Hausärztin hat. Oder zum Bestatter.
→ »Kalter Hund«, Regie: Pauline Roenneberg, BRD 2026, 130 Min., Kinostart: heute
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