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Ernte 26: Wurst am Stiel
Wer derzeit durch Wiesen streift, wird bemerken, dass auf den Feldern noch große Früchte stehen. Ab Mitte September bis in den Oktober hinein wird der Mais geerntet. Dazu braucht man einen guten Mähdrescher mit extra Schneidwerk, das Zeug ist ja krautartig. Zu DDR-Zeiten nahm man die wunderbaren selbstfahrenden Feldhäcksler E 280 und E 281 aus dem Kombinat Fortschritt und mit einem Maispflückvorsatz aus Ungarn. Doch bevor sich die Genossenschaftsbauern mit den Eigenzüchtungen Becor und Besil beschäftigen konnten, die übrigens auch kälteresistent sind, mussten sie sich mit den Ideen von Nikita Chruschtschow herumschlagen. Der Erste Sekretär der KPdSU kam 1957 in die DDR und drängte darauf, verstärkt Mais anzubauen. Dabei prägte er den herrlichen Satz: »Der Mais – das ist Wurst am Stiel.« Walter Ulbricht fügte sich. So mussten auf großen Feldern plötzlich sowjetischer Mais der Sorten Partisanke, Odessa und Mir angebaut werden. Hinzu kamen völlig überzogene Anbauziele. Ein schönes Chaos, zu dem das »Maislied« den passenden Soundtrack lieferte: »Der Mais, wie jeder weiß, das ist ein strammer Bengel.«
Mais (Zea mays) gehört zur Familie der Süßgräser und wird als Getreideart geführt. Plötzlich war die Pflanze »Königin der Felder«. 1960 baute man 440.000 Hektar an. Und scheiterte an der Natur. In Sibirien gab es zuviel Wärme und Nässe, und auch bei den ostdeutschen Brüderchen verrotteten die Pflanzen auf den Feldern, da sie nicht ausreiften. Außerdem fehlten Spezialmaschinen für Ernte und Pflege. Da überall der Mais Vorrang hatte, wurden zu wenige Kartoffeln und nicht genug Getreide angebaut. 1964 war Schluss und Chruschtschow weg. Sein Nachfolger Leonid Breschnew kritisierte die »unüberlegten landwirtschaftlichen Experimente, die zum wirtschaftlichen Chaos führten«.
In der DDR erfolgte die Verkleinerung des Maisanbaus stiller. Forschungszentren der Landwirtschaft entwickelten Anfang der 1970er Jahre robuste Maispflanzen und bauten passende Erntemaschinen. Auch wir Studenten aus den Bereichen der Agrochemie und des Pflanzenschutzes kamen irgendwann in der Maisernte zum Einsatz. Da wir den Mähdrescher E 512 mittlerweile ohne Fehl und Tadel bedienten, wurde festgelegt, dass wir auch die selbstfahrenden Feldhäcksler und den IFA W 50‑Lkw fahren konnten. Als die Körner an den Kolben richtig trocken waren, bekamen wir altersschwache Maschinen, einen modernen Werkstattwagen und ein größeres Feld zugeteilt. Zumindest sollte der Mais die Teigreife haben, damit wir häckseln und die Ernte in die Silos der Umgebung schaffen konnten. In den Silos sollte er vergären und später als Viehfutter dienen. Die Ernte begann oft erst gegen Mittag und endete in den späten Abendstunden. Das Feld musste abgetrocknet sein.
In einer der Ruhephasen erfanden wir wohl das Maislabyrinth. Unser Werkstattmeister, der die Maschinen betreute und auch so manches Rehkitz aus dem Feld räumte, trank verdammt gerne vor dem Kaffee »Bärensiegel Bärenkirsch«, »Berliner Luft«, »Santos Kaffee Edellikör« und vor allem den Kräuterlikör »Stichpimpuli Bockforcelorum«. Den gab es kurz vor Ernteeinsätzen plötzlich im Dorfkonsum, er wurde bestimmt für die fleißigen LPG-Bauern bereitgestellt. Leider hatten wir bei diesen »Schüttübungen« keine Ausdauer und konnten bereits vor dem ersten Schnitt den Lenker nicht mehr gerade halten. Die Planerfüllung durfte aber nicht in Gefahr geraten und die Prämie wollten wir auch gerne einstecken. So bestiegen mein Freund Elle und ich trotzdem immer wieder die Fahrzeuge. Einmal klemmte bei mir irgendwie die Lenkung und so ratterte der Feldhäcksler kreuz und quer durch das Maisfeld, Elle mit dem W 50 im Schlepptau. Es entstand ein herrliches Muster. Bis zur wohlverdienten Kaffeepause kreiselte ich wild und ungestüm über das Feld und befüllte ab und zu Lkw und Anhänger.
Pünktlich zur Pause ließen wir die Fahrzeuge stehen und irrten durch das geschlagene Labyrinth in Richtung Werkstattwagen. Hier gab es frische Bockwürste, scharfen Senf, starken Kaffee und einen kleinen Orangenlikör, wegen der Vitamine, wie der Meister verlauten ließ. Schnell beseitigten wir die Spuren und ließen ein ordentlich geerntetes Feld zurück.
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Onlineabonnent*in Gerdt P. aus R. 17. Sept. 2026 um 14:54 Uhr»Der Mais, der Mais – das ist die Wurst am Stengel« - so hieß es in dem »Maislied«, das im Rundfunk ausgestrahlt wurde. Daraus ergibt sich der Reim mit »strammer Bengel«. Von »Stiel« war damals nicht die Rede.
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