Der Bär und die Wölfe
Giuliano da Empolis’ Roman »Der Magier im Kreml« in einer Comicadaption von Luc Jacamon
Der Italoschweizer Giuliano da Empoli ist Politikwissenschaftler und -berater, Journalist und sehr erfolgreicher Roman- und Sachbuchautor. Sein Roman »Der Magier im Kreml« von 2022 über einen Theatermann, der dem russischen Präsidenten zu Diensten ist, gewann den Preis der Académie Française und hätte um ein Haar den Prix Goncourt bekommen, wurde in 33 Sprachen übersetzt, 2025 mit Jude Law verfilmt und in Deutschland von C. H. Beck verlegt. Dort schreibt man: »Der Regisseur, der sich unter die Wölfe verirrt hat, gerät immer tiefer in die Machenschaften des Systems, das er selbst mit aufgebaut hat, und wird alles daransetzen, um dort wieder herauszukommen. Er nimmt den Erzähler (gemeint ist wohl der Leser, M. H.) mit auf eine Reise ins Herz der Finsternis.«
Joseph Conrad also und »Apocalypse Now«, Hölle und Teufel sowieso. Nur dass der Sauron vom Roten Platz in dem Roman gar nicht so ultimativ böse daherkommt. Also Vorsicht! Sollte Giuliano da Empoli ein kremlnaher Putinversteher sein, der prorussische Narrative verbreitet? Aber von so einem würde der Traditionsverlag Beck doch keine Bücher herausbringen. Nein, »›Der Magier im Kreml‹ ist ein großer Roman über das zeitgenössische Russland und die Entstehung seiner medial inszenierten und vollkommen fiktiven, aber auch tödlichen Realität, einem Imperium der Lüge. Er enthüllt nicht nur die Hintergründe der Putin-Ära, sondern bietet auch eine hellsichtige Betrachtung über die Macht.« Fiktive Realität also, die aber auch tödlich ist. So eiern Verlage herum, wenn sie mit einem Buch viel Geld verdienen wollen, das ihnen eigentlich zuwider ist, weil es nicht in den Zeitgeist passt.
Nun gibt es auch eine farbenprächtige Comicadaption des Romans, und bei Schreiber & Leser, wo sie erschienen ist, schlägt man sich nicht mit solchen Bedenken herum: keine Einleitung, kein Nachwort, kein Personenverzeichnis, nur die Geschichte, gezeichnet, koloriert und (mit ein wenig Unterstützung einer Thea da Empoli) allein adaptiert von Luc Jacamon. Der hat bislang vor allem die von Alexis Matz geschriebene Serie »Der Killer« mit fast zwanzig Bänden geschaffen und zeigt hier von der ersten Seite an sein Können.
Der Comic beginnt mit einer Doppelseite Winterlandschaft bei fadem Sonnenlicht, an der weniger erfahrene Zeichner schon scheitern würden: Die Taimyrhalbinsel im Polarmeer, 1965. Der noch ganz junge Wadim Baranow schießt auf einen Bären, verletzt das Tier aber nur. Während der an die reale Person Wladislaw Surkow angelehnte erwachsene Wadim aus dem Off von seinem aristokratischen Großvater und seinem konformistischen Vater erzählt und wie die drei in der UdSSR zurechtkamen: »Geld hatten wir kaum oder gar nicht, wir brauchten es auch nicht. Im Gegensatz zu heute«, lässt die kleine Jagdgesellschaft den Bären ziehen, weil es schon spät und zu gefährlich ist, aber die Wölfe stellen ihm nach. Das darf die Leserin ungestraft symbolisch verstehen, ganz wie beziehungsweise anders als die Werbeabteilung bei C. H. Beck: Der russische Bär ist verletzt, kommt vielleicht nicht mehr weit, und die Raubtiere, die sich seit 1954 ausbreiten, also etwa seit Stalins Tod, wollen ihn nun zerfleischen.
Глава (Kapitel) eins spielt im März 1991 in Moskau. Noch ist die schöne Xenja mit Wadim zusammen, aber bald wird sie ihn für Michail Chodorkowski verlassen. Ein anderer Neureicher, Boris Beresowski, hat unter Jelzin das Staatsfernsehen übernommen und überzeugt ihn wenige Seiten, tatsächlich ein paar Jahre später, vor dem Hintergrund einer 3.000prozentigen Inflation, tschetschenischer Abtrünniger und eines kränkelnden Präsidenten, von der Notwendigkeit einer Veränderung: »Das Klima änderte sich, die Menschen waren müde und sehnten sich wieder nach Ordnung.« Baranow und Beresowski werden beim Chef des Inlandsgeheimdienstes vorstellig und bitten ihn, mit ihrer Hilfe zu kandidieren. Das macht er dann bekanntlich auch, aber auf seine Art.
Putin stellt Beresowski kalt und bietet Baranow an, für ihn allein zu arbeiten, auch wenn er dann weniger verdient: »Wenn Sie an Geld interessiert sind, bleiben Sie in der Privatwirtschaft. Wer im Dienst des Staates steht, muss das öffentliche Interesse über jedes andere stellen. Zuerst über sein eigenes. Wenn Sie so eine Verpflichtung eingehen, muss ich wohl kaum sagen, dass ich Mittel und Wege habe, um sicherzustellen, dass Sie sich daran halten.«
Ebenso klare Linien hat Putin bei Luc Jacamon für seine eigene Arbeit: »Der Friedensnobelpreis interessiert mich nicht. Mich interessiert der Sieg über die Separatisten. Ich will die Bedrohung abwenden, die sie für die Einheit der Russischen Föderation darstellen.« Baranow wendet ein, dass so ein hartes Vorgehen politischer Selbstmord sei. »Da irren Sie sich, Wadim Alexejewitsch. Sie haben sich vom Westen einreden lassen, ein Wahlkampf bestünde aus zwei Managementteams, die über eine Powerpoint-Präsentation streiten. In Russland ist Macht etwas anderes.«
Ob der »Kremlchef« das wirklich gesagt hat? Der Rest ist eindeutig Geschichte. Grosny wird zerstört, Chodorkowski kommt ins Gefängnis und später wieder frei, Beresowski wird tot aufgefunden, Prigoschin hat eine erste Armee aus zunächst noch digitalen Soldaten. Der leider verstummte Volker Pispers hat über die Eintrittskarten zu seinem Kabarett gesagt, man solle sie lieber aufbewahren, um am Tag X sagen zu können, dass man immer schon auf der richtigen Seite war. In diesem Sinne: Wenn 2029 wie vorhergesagt der Russe kommt, sind Sie froh, den Comic im Regal stehen zu haben. Und wenn nicht, durchaus auch.
Luc Jacamon: Der Magier im Kreml. Schreiber & Leser, Hamburg 2026, 144 Seiten, 29,80 Euro
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