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Zahlenkunde

Über sieben Brücken

Foto: Erwin Pottgiesser/Funke Foto Services/imago

Seit Eric Hobsbawms »Zeitalter der Extreme« wissen wir, dass das 20. Jahrhundert kurz, das 19. lang war, denn dieses ging von der (ersten) Französischen Revolution 1789 bis zum Weltkrieg 1914, jenes von da bis zum Mauerfall und dem Ende der Sowjetunion. Das ist so plausibel, wie es selbstverständlich Quatsch ist, denn wenn sich die Geschichte nicht an den Kalender hält, wie der Erfinder des Konzepts von unterschiedlichen Jahrhundertlängen, Iván T. Berend, durchaus wusste, warum dann überhaupt noch in Jahrhunderten rechnen? Ganz einfach: Weil wir mathematisch auf dezimal getrimmt und Jahreszahlen vermeintlich exakt sind.

Tatsächlich steht unsere Zeitrechnung auf denkbar wackeligen Füßen. Schon ihr Bezugspunkt hat sich nicht an den Kalender gehalten: Jesus ist eine Woche vor Christus geboren. (Die Verzögerung erklärt man sich mit der Beschneidung; nicht mit der Geburt, erst mit der Zirkumzision ist der Bund mit Gott geschlossen.) Auch Jahrzehnte sind willkürlich. Die Zwanziger gingen von 1924 bis 1929, zumindest die Goldenen. Was könnte man unter den Vierzigern verstehen?

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Damit ist die Zeiteinteilung aber noch nicht ganz vom Tisch. Die alten Griechen und die jungen Rudolph-Steiner-Jünger unterteilen das Leben in Jahrsiebte oder »Hebdomaden«, was mit etwas Wohlwollen durchaus adäquat erscheint und sich sogar im Recht widerspiegelt: Nach Säuglings- und Kleinkindalter kommen Einschulung und Freudsche Latenzphase, dann Pubertät und Ausbildung, und mit 21 darf man Flugzeuge fliegen und bei Straffälligkeit nicht mehr auf eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht hoffen. Liebesbeziehungen enden oft nach dem verflixten siebten Jahr, und das ist kein Wunder: In einem Jahrsiebt erneuern sich sämtliche Körperzellen einmal, man ist also gar nicht mehr derselbe wie zu Beginn der großen Liebe und trennt sich auch von jemand anderem.

Zur Chronologie eignet sich die Hebdomade nicht: Wir leben im 290. Jahrsiebt seit der Vorhautentfernung des oben angeführten nahöstlichen Glaubensstifters. »Im 21. Jahrhundert« ist handlicher.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.08.2026, Seite 10, Feuilleton

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  • Reinhard Hopp aus Berlin 28. Aug. 2026 um 11:22 Uhr
    Und noch ein gewichtiges Argument gegen die 7 gibt es: Nicht wenige der Zeitgenossen können offensichtlich nicht einmal richtig bis 3 zählen (siehe jüngste Wahlumfragen).
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