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Ausstellung

Der Raum gehört dem Volke

Bauen für die DDR: Die Berlinische Galerie zeigt das Werk von Josef Kaiser

Foto: Schnepp Renou/Berlinische Galerie
Ikonisch: Das Kino International an der Karl-Marx-Allee 33

Auf einem Plakat von 1952 gehen Menschen zwischen roten Blumenrabatten auf einen Säulenportikus zu. »Bauten des Fünfjahrplanes« steht über dem Bild, darunter »Kulturhaus der Maxhütte. Die Kunst gehört dem Volke. Lenin.« Daneben hängt ein Foto von 1958, auf dem keine roten Beete zu sehen sind, sondern nur das drei Jahre zuvor eröffnete Kulturhaus in Unterwellenborn, umgeben von Gras. Der Architekt Josef Kaiser hatte es zusammen mit Hanns Hopp für die hiesige Stahlarbeiterschaft entworfen. Es verfügt über einen Theater- und Kinosaal, einen Musiksalon, ein Foyer mit Empore, ein Restaurant und Seminarräume. In 38 Zirkeln und AGs waren Ende der 50er Jahre mehr als 500 Werktätige der Umgebung aktiv. Da Kaiser nach dem Zweiten Weltkrieg auch kurze Zeit als Tenor gearbeitet hatte, wusste er um die akustischen Anforderungen.

Die Berlinische Galerie zeigt eine Auswahl des im vergangenen Jahr erworbenen, bisher unerschlossenen Nachlasses des 1910 im heutigen Slowenien geborenen und 1991 verstorbenen Architekten. Ein Vorentwurf verdeutlicht, wie Kaiser für Unterwellenborn zunächst eine modernere Formensprache vorsah und sie mit dem Klassizismus vermischen wollte, ein Nachhall seiner Studienerfahrung in Prag, wo er gleichermaßen modernistischen wie klassizistischen Einflüssen begegnete. Auf einem Nebentisch liegt eine Zeichnung von 1939, eine Reithalle für die Deutsche Arbeitsfront, die er zusammen mit Julius Schulte-Frohlinde erstellt hat. Sie weist Ähnlichkeiten mit der Maxhütte auf. Auch die Mitarbeit am Kreishaus der NSDAP in Weimar ist dokumentiert, neben den berühmten Gebäuden des Zweiten Bauabschnitts der Karl-Marx-Allee: Kino Kosmos, Kino International, Interhotel Berolina und Restaurant Moskau. Natürlich darf auch das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten nicht fehlen, das dem neohistoristischen Abrissfuror der 90er Jahre zum Opfer fiel.

Am aufschlussreichsten sind ausgerechnet weder ein Bild noch ein Modell, sondern das Dokument »Zusammenfassung der technisch-ökonomischen Beurteilung« von 1958 für die Karl-Marx-Allee. Darin sind zehn Vorschläge für den Wohnungsbau aufgeführt, die nach den Kosten je Bewohner sortiert sind. Den ersten Rang nimmt das Kollektiv Kaiser/Dutschke mit etwas über 7.000 Mark pro Platz ein, den letzten Hermann Henselmann mit über 9.500 Mark. Das mag der Hauptgrund gewesen sein, warum der zweite Bauabschnitt Kaisers Handschrift trägt. Bemerkenswert ist die Begründung, der zufolge die ersten neun Plätze eine »differenzierte Bebauung der Wohngebiete« vorschlagen. Die ökonomischen Erwägungen begrenzten demnach nicht die Phantasie, sondern ermöglichten sie. Die heutigen Investoren schauen dagegen fast nur noch auf die Zahlen, so dass Neubaugebiete von Porto über Oslo bis Cluj den gleichen öden Charme versprühen.

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Im Jahr 1965 erschienen die »Grundsätze der Planung und Gestaltung der Städte in der Periode des umfassenden Aufbaus des Sozialismus«, die bis 1970 die Leitplanken der Baupolitik bildeten. Sie beginnen wie eine Bilanz: höhere Wohndichte, wirtschaftlichere Nutzung des Baulandes und sinkender Mehraufwand. Doch dann kippt der Ton. Es sei vielgeschossig zu bauen, da dies »Wohnungen nahe den im Stadtkern gelegenen Arbeitsplätzen« schaffe. Die Bauten für Handel, Kultur und Gastronomie sollten »das Neue unserer sozialistischen Gesellschaft sichtbar machen und besondere Anziehungspunkte für die Menschen werden«.

Kaiser trieb diese Vorgaben auf die Spitze. Ab 1966 entwarf er im Auftrag des FDGB das »Großhügelhaus«, eine kleine Stadt als Haus. Es sollte über 30 Geschosse umfassen: Verkehr und Produktion sollten sich darunter erstrecken, während sich auf den oberen Etagen eine autofreie Fußgängerstadt befinden sollte. Die Wohnungen sollten sich an den geneigten Flanken befinden, davor sollten sich Balkone anschließen, die Kaiser »Zimmer im Freien« nannte. Gebaut wurde es jedoch nicht. Es galt als zu groß und zu teuer.

Was solche Entwürfe wollten, stand damals in Broschüren, die in keiner Vitrine liegen. Die Kulturwissenschaftlerin Karin Hirdina führte Kulturfunktionäre in ein Konzept ein, das sie »komplexe Umweltgestaltung« nannte: Technik, Ökonomie und Ästhetik sollten keine getrennten Gebiete sein, Architektur und Städtebau eine zusammenhängende Aufgabe bilden. Die gebaute Umwelt galt als Resultat der Praxis vieler Generationen und ist zugleich Bedingung und Ausdruck der Lebensweise ganzer Klassen. Gegen die westdeutsche Rede von der Lebensqualität stand die von der sozialistischen Lebensweise. Damit waren weniger Lärm und Enge, Grün für alle Altersgruppen sowie fußläufig zu erreichende Bildungs- und Versorgungseinrichtungen gemeint.

Die Ausstellung legt ihr Material behutsam aus, überlässt die Erschließung den Besuchern und kommt ohne die sonst üblichen Schmähungen und Vereinfachungen aus. Offenbar ist so viel Zeit vergangen, dass dieses Erbe neu angeeignet werden kann. Die Zurückhaltung hat jedoch ihren Preis. Wer Kaiser nicht kennt, sieht nur einen modernen Architekten, der auch in Le Havre hätte bauen können. Die Verhältnisse, unter denen er so bauen und solche Entwürfe erarbeiten konnte, bleiben im Dunkeln. Dabei ließe sich an ihnen studieren, was sonst noch zum Wohnen gehört: welches Draußen, welche Nachbarschaft, welche Wege. All das zeigt die Ausstellung, sagt es aber nicht.

→ »Josef Kaiser – Bauen für die DDR«, Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, 10969 Berlin, bis 1. Februar 2027

→ berlinischegalerie.de

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.09.2026, Seite 11, Feuilleton

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