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Differenz und Einheit

BRICS-Gipfel in Indien

Von Jörg Kronauer
Foto: Sputnik/Dmitry Azarov/Pool via Reuters
Die Staats- und Regierungschefs der BRICS-Staaten am Freitag auf dem Gipfel in Neu Dehli

Brüche zwischen den inzwischen zehn Mitgliedstaaten der BRICS dominieren die Debatte über das Bündnis vor seinem diesjährigen Gipfeltreffen, das an diesem Wochenende in Neu-Delhi stattfindet. Da wären zunächst die Differenzen zwischen Gastgeber Indien und China, dessen Präsident Xi Jinping zum ersten Mal seit 2019 die indische Hauptstadt besucht. Im Jahr 2020 waren die Grenzstreitigkeiten zwischen den zwei Ländern im Himalaja eskaliert; es hatte Tote gegeben, und der Konflikt verhinderte eine Zeitlang jede tiefere Kooperation. Das ist mittlerweile halbwegs überwunden; Xi und Indiens Premierminister Narendra Modi wollen am Rande des BRICS-Gipfels einem erneuten Ausbau der Zusammenarbeit den Boden bereiten. Und dennoch: Indiens herrschende Klasse will ihr Land als zweite zentrale Macht Asiens neben – und am liebsten auf Augenhöhe mit – China positionieren. Weil die ökonomischen Mittel dazu bei weitem nicht genügen, benötigt sie eine engere Kooperation mit den USA – als Rückendeckung gegen China. Das wird sich kaum ändern, auch wenn Neu-Delhi zur Zeit ein wenig enger an Beijing heranrücken muss, da US-Präsident Donald Trump ihm mit krassen Zöllen und mit einer Annäherung an den Erzfeind Pakistan heftig vors Schienbein tritt. Der strukturelle Anlass für seine Bindung an die USA aber bleibt.

Stichwort Brüche: Der Iran-Krieg hat einige weitere Spannungsherde offengelegt. Indien kooperiert nicht nur mit den USA, sondern auch immer enger mit Israel. Dasselbe trifft auf ein weiteres BRICS-Mitglied zu – die Vereinigten Arabischen Emirate. Die haben an der Seite der USA und Israels im Krieg sogar eigene Angriffe auf Iran geflogen, das gleichfalls ein BRICS-Mitglied ist, und sie haben angekündigt, ihr Bündnis mit den beiden Staaten ausbauen zu wollen. Raum für eine Verurteilung der US-Aggression gegen Iran, wie sie nicht bloß Teheran, sondern besonders Moskau und wohl auch Beijing wünschen würden, lässt das kaum. Politisch geschlossen sind die BRICS nicht – nach der Erweiterung um fünf neue Mitglieder in den Jahren 2024 und 2025 noch weniger als zuvor.

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Doch darum geht es auch gar nicht. Die BRICS wurden einst gegründet, weil der Westen ihnen eine angemessene Teilhabe in internationalen Organisationen verwehrte. Ihr Ziel war von Anfang an, ihren weiteren Aufstieg – sie sind sämtlich Schwellenländer – dann eben ohne den Westen fortzusetzen, und zwar vor allem auf ökonomischer Ebene. Deshalb haben sie zum Beispiel – ein Gegengewicht zu Weltbank und IWF – die New Development Bank gegründet, die Kredite immer häufiger in den eigenen Währungen der BRICS-Mitglieder vergibt; das ist für die betreffenden Länder viel günstiger. Südafrika will auf dem BRICS-Gipfel dafür werben, dass die New Development Bank künftig mehr Kredite für Vorhaben lockermacht, die dem Ausbau der gesamtafrikanischen Freihandelszone (AfCFTA) und damit Afrikas ökonomischer Unabhängigkeit dienen. Dies trüge zum Kernziel der BRICS bei: ihren Aufstieg gegen den Westen durchzusetzen. Daran halten alle BRICS-Staaten fest: in der klaren Erkenntnis, dass der Westen sie sonst auf Dauer niederhalten wird. Sein Dominanzstreben ist letztlich ihr Kitt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.09.2026, Seite 3, Ansichten

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