Zum Inhalt der Seite

Mosern aus dem Off

Foto: Yves Herman/REUTERS
Dänemarks Premierministerin schäumte über das Telefonat ihrer nordischen Kollegen mit Putin (Brüssel, 16.10.2026)

Nach den geläufigen Klischees der Völkerpsychologie sind Skandinavier Menschen, die ihre Emotionen zumindest nach außen unter Kontrolle haben: kühl, kein Gefühl. Um so bemerkenswerter, dass Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen förmlich aus der Haut gefahren ist wegen des Telefongespräches ihrer Kollegen aus Norwegen und Finnland am Dienstag mit Wladimir Putin.

Die dänische Zeitung Politiken sieht gleich einen »nordischen kalten Krieg« im Aufziehen und rät zur Deeskalation. »Ein unangemessener Alleingang« sei das gewesen, wütete Frederiksen, »mit niemandem von uns abgestimmt«. Ob das letzte stimmt oder nicht – Norwegens Regierungschef hat den Vorwurf des Alleingangs zurückgewiesen –, der Kopenhagener Wutausbruch deutet darauf hin, dass Frederiksen vielleicht ganz gerne auch ihren Senf dazugegeben hätte. Schließlich ist ja Putin-Bashing heute das, womit man Punkte sammeln kann. Und womöglich haben der Norweger und der Finne die dänische Krawallmacherin genau deshalb nicht dabeihaben wollen.

Die FAZ gibt Frederiksen zur Hälfte recht, wenn sie eingangs in Erinnerung ruft, dass ja die beiden nordischen Politiker ausgewiesene Unterstützer der Ukraine seien – da sollte man vielleicht nicht gleich die Verratskeule schwingen. Denn: »Sie haben etwas getan, was dieses (antirussische, jW) Lager in Europa schon lange hätte tun müssen: Sie haben das Gespräch mit Putin gesucht.« Allerdings vor allem in eigener Sache: »Europa schaut seit zwei Jahren dabei zu, wie Trump mit Putin über die Ukraine und damit über die Sicherheitsordnung in Europa verhandelt. Das allein ist schon keine gute Entwicklung. Man sollte möglichst am Tisch sitzen, wenn über den eigenen Kontinent entschieden wird.«

Anzeige

Ist aber schwierig – und so herrscht in der deutschen Presse überwiegend Funkstille über das Gespräch, bis auf den Umstand, dass einige Redaktionen von der Berliner Zeitung bis zur Frankfurter Rundschau es als sowieso unergiebig und damit letztlich sinnlos abtun: Putin habe seinen Anrufern die »übliche Geschichtslektion« zu erteilen versucht über die angeblich sogar genetisch beweisbare Verwandtschaft von Russen und Ukrainern. Man kann über die Stichhaltigkeit solcher Argumente natürlich verschiedener Meinung sein: »Kratz am Russen, und du findest den Tataren«, hatte einst Lenin gesagt.

Der Moskauer Kommersant fasst das Ergebnis aus russischer Sicht kurz und treffend zusammen: Am Konfrontationskurs Brüssels gegenüber Russland habe sich nichts geändert, und deshalb sehe Moskau »die EU derzeit nicht am Verhandlungstisch für eine langfristige Lösung in der Ukraine«. Es bleibt ihr und ihrer Öffentlichkeit das Mosern von der Seitenlinie. (rl)

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 29.10.2026, Seite 2, Ansichten

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!