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Am Ball bleiben

EU-Kanada-Gipfel

Von Jörg Kronauer
Foto: ZUMA Press/IMAGO
Wenn es den USA egal ist, alte Freunde zu verprellen, brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn die zu Gegnern werden und sich zusammenschließen (Strasbourg, 16.9.2026)

EU-Funktionäre sparen nicht mit Superlativen, wenn sie den EU-Kanada-Gipfel beschreiben, der am Donnerstag in Montréal begonnen hat. Ein Diplomat verstieg sich sogar dazu, ihn den wohl wichtigsten Gipfel zu nennen, den die EU jemals abgehalten habe. Es geht auch ein wenig nüchterner. Und dennoch: Für beide Seiten steht viel auf dem Spiel. Den Grund hat Kanadas Premierminister Mark Carney im Januar in Davos genannt, als er vor allem mit Blick auf die Trumpschen Annexionsgelüste orakelte, wenn man nicht mit am Tisch sitze, stehe man auf der Speisekarte – und wenn sogenannte Mittelmächte einen Platz am Tisch der Großmächte ergattern wollten, müssten sie sich zusammentun. Das ist das Programm, dem inzwischen nicht mehr nur Kanada folgt, sondern auch die EU.

Beide tun das unabhängig voneinander, und beiden geht es zunächst darum, Abhängigkeiten von den USA zu reduzieren, um Spielräume zu gewinnen. Carney etwa hat eine »strategische Partnerschaft« mit China ausgerufen, den Handel seines Landes mit der Volksrepublik im ersten Halbjahr 2026 um 30 Prozent gesteigert und damit die erdrückende Handelsdominanz der Vereinigten Staaten schon etwas gelindert. Nun bemüht er sich um mehr Handel etwa mit dem Mittleren Osten und mit Indien. Die EU hat – in einem Tempo, das ihr wohl niemand zugetraut hätte – Freihandelsabkommen mit dem Mercosur und mit Indien geschlossen, auch dies mit dem Ziel, den Wirtschaftseinfluss der USA zu verringern. Jetzt ist auch noch ein Beitritt zum asiatisch-pazifischen Freihandelsabkommen CPTPP im Gespräch.

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Und es kommt nicht zuletzt Carneys Plan ins Gespräch, sich zusammenzutun, um von der Speisekarte zurück auf den Stuhl zu springen. Die EU will nicht bloß ihren Handel auch mit Kanada ausbauen und dazu das Freihandelsabkommen jetzt formal in Kraft setzen, das einst am entschlossenen Widerstand der Bevölkerung diverser EU-Staaten gescheitert war und das Brüssel deshalb nur mit viel Trickserei gegen demokratische Mehrheiten auch nur teilweise realisieren konnte. Denn auch politisch und militärisch wollen Brüssel und Ottawa künftig immer enger kooperieren. Ursula von der Leyen konnte sich mit ihrem Plan, Kanada gleich zum »assoziierten Mitglied« der EU zu erheben, zwar nicht durchsetzen, doch das ist, wie Carney pragmatisch festhält, völlig egal: Entscheidend ist nicht, was begrifflich, sondern was wirklich geschieht. Das aber soll nun auf dem Gipfel in Montréal entschieden werden. Dass das für die EU von einiger Bedeutung ist, trifft zu.

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.10.2026, Seite 1, Ansichten

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