Großmachtträume im Orbit
Der Start der »Spectrum«-Trägerrakete am Wochenende zeigt die Konkurrenz um die Raumfahrt – nicht nur mit den USA
Wenn das mal kein symbolkräftiger Zufall ist! Am Dienstag hat in Aachen der diesjährige Deutsche Luft- und Raumfahrtkongress begonnen, der in der Branche als »das zentrale wissenschaftlich-technische Forum der deutschen Luft- und Raumfahrt-Community« beworben wird. Auf ihm kommen Experten aus Wissenschaft und Industrie mit Politikern zusammen, um sich auszutauschen und nach Möglichkeit praktische Raumfahrtinitiativen zu fördern.
Am Mittwoch beginnt in Paris der Internationale Weltraumgipfel, der den Austausch auf globaler Ebene vorantreiben soll. Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatten ihn auf dem deutsch-französischen Ministerrat im Juli in Brühl als gemeinsame Initiative angekündigt. Nun finden die deutsche und die internationale Branchenveranstaltung parallel statt, und sie enden am Donnerstag parallel; sie graben sich also gegenseitig Teilnehmer und Publikum ab. Merz hat seine ursprünglich fest geplante Präsenz auf dem Internationalen Weltraumgipfel in Paris abgesagt. Ein koordiniertes europäisches Vorgehen in der Raumfahrt sähe anders aus.
Nein, das ist keine Fußnote der europäischen Politik, die höchstens für Raumfahrtfreaks von Interesse wäre. Der Ukraine-Krieg hat der Bundesregierung und den anderen Regierungen in Europa klar vor Augen geführt: In allen Raumfahrt- bzw. Satellitenbelangen sind sie zur Zeit von den Vereinigten Staaten, ja sogar von den Launen eines Elon Musk abhängig, dem das Satellitenkommunikationssystem »Starlink« gehört.
Die EU will nun eigene Satellitensysteme aufbauen, um von den USA unabhängig zu werden; die Kommission will deshalb die Gelder für die Raumfahrt im nächsten Siebenjahreshaushalt (2028 bis 2034) von zuletzt 17 auf 60 Milliarden Euro aufstocken. Auch die Bundesregierung stellt immense Summen bereit: Das Verteidigungsministerium macht 35 Milliarden Euro allein für die militärische Raumfahrt locker. Und es zeigt sich: Die Projekte, die es bislang unterstützt, sind rein deutsche Vorhaben. Berlin baut ein mehr oder weniger nationales Raumfahrtsystem auf; es konkurriert dabei nicht nur mit Washington, sondern auch mit Paris.
Jüngstes Beispiel: Am Wochenende ist es dem Münchener Raumfahrtstartup Isar Aerospace im zweiten Versuch gelungen, eine Trägerrakete seines Modells »Spectrum« erfolgreich ins Weltall zu bringen und dort fünf kleine Satelliten auszusetzen. Das soll nun kommerzialisiert werden. Bundeskanzler Friedrich Merz lobte auf X den »Beginn einer neuen Ära«: Wenn es Isar Aerospace gelingt, genügend Trägerraketen zu bauen, gerät Unabhängigkeit von Space X und damit von den USA in der Raumfahrt in den Blick. Die »Spectrum«-Trägerrakete startete dabei vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya und nicht wie bisher die »Ariane«-Raketen vom Weltraumbahnhof Kourou in Frankreichs südamerikanischer Kolonie Französisch-Guayana; das bedeutet: Berlin macht sich auch unabhängig von Paris.
Die Trägerraketen sind wichtig, um die von der Bundeswehr geplanten Satelliten ins All zu verfrachten. Das sind zum einen Aufklärungssatelliten der Modelle »Spock 1 und 2«. »Spock 1« wird von Rheinmetall und dem finnischen Startup Iceye gebaut; »Spock 2« ist noch nicht vergeben, könnte jedoch an ein rein deutsches Konsortium gehen. Hinzu kommt ein »deutsches Starlink« mit dem militärtypisch eleganten Namen »Satcom BW Stufe 4«, das Rheinmetall und der Bremer Raumfahrtkonzern OHB gemeinsam für die Bundeswehr bauen wollen.
Zumindest die Pläne für »Satcom BW 4« sind ein offener Affront gegen die EU, die schon 2022 beschlossen hat, ein »europäisches Starlink« namens »Iris 2« aufzubauen. Kam das Projekt zunächst bloß schleppend voran, so macht Brüssel, von »Satcom BW 4« herausgefordert, jetzt Druck; es hat mittlerweile Aufträge für »Iris 2« vergeben. OHB soll für wohl über eine Milliarde Euro 18 MEO-Satelliten bauen, die weiter entfernt von der Erde kreisen. Hauptgewinner ist zur Zeit allerdings Aerospacelab, ein Startup aus Belgien, das für 1,8 Milliarden Euro 264 der insgesamt 348 geplanten LEO-Satelliten fertigen soll, die in niedriger Erdumlaufbahn die eigentliche Kommunikation ermöglichen werden. Nicht zum Zuge kam Airbus Defence and Space mit Sitz in München.
Dass die Bundesregierung »Iris 2« und andere EU-Projekte ignoriert und parallel nationale deutsche Projekte finanziert, ist ein schwerer Schlag für die französische Raumfahrtindustrie. Sie stellte bislang rund ein Drittel der gesamten Branche in Europa und gilt noch als führend; in Paris gilt sie als eine Schlüsselbranche der französischen Industrie. Nun aber könnte die deutsche Konkurrenz sie mit Hilfe der Berliner Rüstungsmilliarden in den Hintergrund drängen: der nächste Schritt zur Festigung der deutschen Dominanz in der EU.
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