Krieg der Dienste
Mitten in Kiew liefern sich ukrainische Agenten von GUR und SBU einen Schusswechsel. Offenbar ging es um einen russischen Neonazi. Doch die Hintergründe bleiben im dunklen
Vergangene Woche, am 2. September, kurz nach ein Uhr morgens, lieferten sich zwei ukrainische Geheimdienste mitten in der Hauptstadt Kiew ein Feuergefecht, während über ihnen wie jede Nacht die Luftschutzsirenen heulten. Agenten des Militärgeheimdienstes GUR waren bei einer Adresse in der Jurij-Schumskij-Straße vorgefahren, Agenten des Inlandsgeheimdienstes SBU waren bereits vor Ort. Anwohner filmten und berichteten in den sozialen Medien anschließend von lautem Geschrei und Flüchen, gefolgt von Schüssen. Bei Tagesanbruch war die Straße von Polizisten abgesperrt, der Busverkehr umgeleitet. Nach offiziellen Angaben wurden drei GUR-Männer verwundet, nach Angaben von Augenzeugen könnte es aber auch ein oder zwei Tote gegeben haben.
Beide Dienste veröffentlichten am Morgen eine gemeinsame Stellungnahme, in der sie behaupteten, mit vereinten Kräften ein Komplott des russischen Geheimdienstes FSB verhindert zu haben, das sich angeblich gegen einen der Führer der russischen »oppositionellen nationalen Bewegung« gerichtet habe.
Bei dem russischen »Oppositionellen« handelt es sich um Stepan Kaplunow, einen Kommandeur des faschistischen Kampfverbandes »Russisches Freiwilligenkorps« (RDK). In der Einheit kämpfen Exilrussen unter Anleitung des GUR gegen die russische Armee. Ihr erklärtes Ziel ist die Beseitigung der derzeitigen russischen Regierung und die Zerschlagung Russlands in ethnisch definierte Einzelteile. Gegründet wurde das RDK von dem russischen Neonazi Denis Kapustin, der sogar im »Lagebild Rechtsextremismus 2024« des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen als führender Nazikader genannt wird, der »maßgeblich« dazu beigetragen habe, vor dem Ukraine-Krieg »die rechtsextremistische Kampfsportszene zu professionalisieren«. Nachdem sie 2023 an den ukrainischen Überfällen in den Oblasten Belgorod und Brjansk beteiligt gewesen war, wird sie von den russischen Behörden als Terrororganisation gelistet.
Kaplunow besetzt im RDK den Posten des stellvertretenden Kommandeurs für Kampfeinsätze. Am 23. August wurde er mitten in Kiew am helllichten Tage auf offener Straße von unbekannten Männern in einen schwarzen SUV gezerrt. Ein Passant filmte die Szene.
Erst am 1. September informierte der Stabschef des RDK, Alexander Fortuna, die ukrainische Öffentlichkeit über das – vorerst – spurlose Verschwinden von Kaplunow und beklagte ausbleibende Antworten von GUR, SBU und der für Ermittlungen gegen Staatsdiener zuständigen Behörde DBR. Einen Tag später kam es zu der Schießerei zwischen GUR und SBU. Seitdem reißen die Spekulationen über die wahren Hintergründe des Feuergefechts im Herzen Kiews nicht ab.
Dazu trugen auch Äußerungen des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij bei, der die Auseinandersetzung am 2. September in seinem allabendlichen TV-Auftritt als »beschämend« kritisierte und zwei höhere Funktionäre aus beiden Diensten feuern ließ. Schießen sei in der Ukraine nur erlaubt, wenn es sich gegen »russische Besatzer« richte, betonte Selenskij und kündigte weitere interne Untersuchungen an.
Auch die Aussagen des mittlerweile wieder freigelassenen Kaplunow sorgten nicht unbedingt für eine Aufklärung des Sachverhalts. Sein Anwalt verkündete noch am Abend des 2. Septembers die Freilassung seines Mandanten. Gegenüber der Nachrichtenagentur RBK-Ukraina bezeichnete er die Erzählung über die Vereitelung eines FSB-Komplotts als »PR‑Stunt«. Kaplunow sei vielmehr entführt worden.
Im Interview mit dem Sender Radio NV erklärte Kaplunow am 3. September, Agenten des SBU hätten ihn vor seinem Wohnhaus gekidnappt, die Augen verbunden und in ein Geheimgefängnis gebracht. Dort habe man ihn mit Todesdrohungen dazu gebracht, Kontakte zum russischen Geheimdienst zuzugeben. Die SBU-Leute hätten es aber seiner Ansicht nach vor allem auf den Chef der Spezialeinheit »Timur«, Dmitro Iwanow, abgesehen. Das RDK ist Teil dieser dem GUR unterstellten Sondereinheit. Des weiteren sollte auch der Leiter von Selenskijs Präsidialamt, Kirill Budanow, als »russischer Agent« angeschwärzt werden.
Kaplunow gab alle Anschuldigungen zu, obwohl er wusste, dass sie falsch sind. Er sei nicht körperlich misshandelt worden, sagte er im Interview. »Dennoch gab es Äußerungen, ich könnte für immer verschwinden. Mit anderen Worten: Es war die Rede davon, Gräber zu schaufeln. Wir alle wissen, was das bedeutet.«
Der Chef der GUR, Oleg Iwaschtschenko, bemühte sich am Montag, die ganze Geschichte herunterzuspielen. Gegenüber Ukrinform sagte er, es gebe keinen Grund, einen »isolierten Vorfall« aufzubauschen.
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