Konflikt und Kooperation
Eine US-Politikwissenschaftlerin versucht, auf historischen Umwegen Möglichkeiten für gedeihliche Beziehungen zwischen Washington und Moskau aufzuzeigen
Die Beziehungen zwischen Moskau und Washington sind aktuell einmal mehr auf einem Tiefpunkt angekommen. Als sich vor 40 Jahren Ronald Reagan und Michail Gorbatschow für ein Wochenende in einem Hotel in der isländischen Hauptstadt Reykjavík trafen, schien sich das Verhältnis dauerhaft in eine andere Richtung zu bewegen. Über zehn Stunden sollen sie im Oktober 1986 gemeinsam gescherzt und gelacht haben. Nach der Selbstauflösung der Sowjetunion war die Stimmung bei Treffen von Jelzin und Bush bzw. Clinton auch meistens prächtig. Weniger ausgelassen und fröhlich ging es dagegen vor einem Jahr in Alaska zu. Im August 2025 trafen sich dort die beiden amtierenden Präsidenten, Donald Trump und Wladimir Putin. Ein Jahr später ist von dem vor allem von russischer Seite etwas bemüht beschworenen »Geist von Anchorage« nichts mehr übrig.
Die Politikwissenschaftlerin Rose Gottemoeller blickt in ihrem neuen Buch auf die Beziehungen der beiden Länder in den ersten Jahren nach dem Ende der Sowjetunion zurück – und natürlich schwingt da auch die Frage mit, in welche Richtung die Weichen damals gestellt worden sind. Anhand der Darstellung der Zusammenarbeit in zwei Bereichen – der Abrüstung der sowjetischen Atomwaffenarsenale in Belarus, Kasachstan und der Ukraine sowie der internationalen Raumstationen ISS und Mir – versucht die Autorin, Lehren für eine Erneuerung der Kooperation nach dem Ende der Kampfhandlungen in der Ukraine abzuleiten.
Bei einem Treffen im kanadischen Vancouver wurde 1993 zwischen den damaligen Präsidenten Bill Clinton und Boris Jelzin eine Kommission zur Zusammenarbeit in den Bereichen Raumfahrt und Energie geschaffen. Benannt wurde sie nach den damaligen Vizepräsidenten bzw. Ministerpräsidenten, die die Kommission leiteten: Gore-Tschernomyrdin-Kommission. Das Buch ist gespickt mit persönlichen Beobachtungen. Gottemoeller war Mitarbeiterin dieser Kommission und später in der Clinton-Administration tätig. Ab 2006 leitete sie drei Jahre lang das Carnegie-Zentrum in Moskau und war bis 2016 als Beraterin für Nuklearfragen in der Obama-Administration tätig.
Nach 1991 habe jeder US-Präsident eine enge Kooperation mit Russland als nationales US-Interesse betrachtet, behauptet Gottemoeller. Da die Frage, ob für Russland friedliche Beziehungen zum »Westen« dauerhaft möglich seien, aber bis heute unbeantwortet sei, sei trotz des Wunsches nach guten Beziehungen die NATO-Osterweiterung unabdingbar gewesen, erklärt sie. Trotz dieser offenkundigen ideologischen Schlagseite – Gottemoeller interessiert sich nicht näher dafür, ob »gute Beziehungen« aus Washingtoner Sicht deckungsgleich mit guten Beziehungen aus Moskauer Sicht sind – lohnt es sich, das Buch zu lesen. Denn die Autorin, die dem Umfeld der Demokraten zuzurechnen ist, versucht sich immerhin an einer »Blaupause« für zukünftige kooperative Beziehungen – was sich an deutschen Universitäten kaum noch jemand traut. Als Vorbild sieht sie die Zusammenarbeit in der Raumfahrt sowie die Kooperationen in den Bereichen Energiepolitik und Atomwaffenkontrolle. Natürlich liegt hier der Einwand nahe, dass das letztlich »technische« Aspekte sind, die Ursachen politischer Konflikte nicht berühren.
Für den Ukraine-Krieg sieht die Autorin hinsichtlich ihrer Fragestellung drei Szenarien: erstens eine Fortsetzung der Kämpfe auf »niedrigem Niveau«, während sich wieder eine stärkere Kooperation im Öl- und Gassektor entwickelt, die Sanktionen gegen Russland jedoch größtenteils fortbestehen (das sei das Szenario, an dem die Trump-Administration arbeite); zweitens ein langfristiger Friedensprozess, der zum Ende der Kämpfe führt, aber die Ukraine gespalten hinterlässt (»wie Deutschland während des Kalten Krieges«); und drittens ein russischer Rückzug samt Zusage eines Beitrags zum Wiederaufbau der Ukraine – wofür im Gegenzug alle Russland-Sanktionen aufgehoben werden. Das klingt freilich sehr nach Wunschdenken.
→ Rose Gottemoeller: Security Through Cooperation. Space, Nuclear Weapons, and US-Russia Relations after the Cold War. Stanford University Press, Stanford 2026, 200 Seiten, 25 US-Dollar
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