- → Ausland
Kampf um die Küste
Seit 1991 ist Somalia ein zersplittertes Land. Während Äthiopien und Israel die Spaltung auszunutzen versuchen, stützen die Türkei, Saudi-Arabien und China die Zentralregierung
Die US-amerikanische Blamage am Persischen Golf hat der Welt die Bedeutung der Straße von Hormus schmerzhaft vor Augen geführt. Die rund 2.000 Kilometer südwestlich gelegene Meerenge Bab-Al-Mandab – das Tor der Tränen – findet hingegen nur dann hin und wieder mediale Beachtung, wenn die jemenitischen Ansarollah einen mit Israel, den USA oder Saudi-Arabien verbundenen Tanker beschießen.
Dabei haben die Meerenge zwischen der Arabischen Halbinsel und Ostafrika in den letzten Jahren jeweils rund zehn bis 15 Prozent des gesamten Welthandels durchquert. Der Beschuss im Roten Meer hat zwar dazu geführt, dass viele Reedereien ihre Schiffe nach Süden um das Kap der Guten Hoffnung umleiten, um die gestiegenen Versicherungskosten zu vermeiden. Doch so oder so: Wer Häfen und Stützpunkte am Horn von Afrika kontrolliert, kann erheblichen Einfluss auf die Welthandelsrouten nehmen.
Für Somalia erweist sich seine 3.333 Kilometer lange Küstenlinie – jahrhundertelang Anlaufstelle für den Handel zwischen Arabien, Indien und Ostafrika – heute eher als Fluch denn als Segen. Spätestens seit der Eröffnung des Suezkanals im Jahre 1869 konkurrieren externe Mächte um die Kontrolle der unwirtlichen Küstenregion und gestatten der lokalen Bevölkerung keine eigenständige Entwicklung. Waren es im 19. Jahrhundert vor allem der britische und italienische Imperialismus, der hier Kolonien errichtete, sind es heute Israel, die Golfmonarchien, die Türkei, Ägypten, Äthiopien, die Volksrepublik China und zum Teil auch Taiwan und Eritrea, die am Horn um Einfluss ringen.
Somalia verfügt dabei seit 1991 über keine starke Zentralregierung mehr, die der ausländischen Einflussnahme Paroli bieten könnte. Nach der Beseitigung der Demokratischen Republik und ihres Präsidenten Siad Barre zerrissen zentrifugale Kräfte, gestützt auf das die soziale Struktur bestimmende Klanwesen, das Land. Somalia zersplitterte in zahlreiche kleinere Machtbereiche von Klans, Warlords und deren Milizen. Banditentum und Übergriffe machten die Straßen unsicher, unterbrachen die Transportwege und lähmten Handel sowie Landwirtschaft.
Wie auch andernorts folgte in Somalia auf die Abwicklung der Demokratischen Republik ein Wiedererstarken religiöser Kräfte, hier in Gestalt der Union islamischer Gerichtshöfe (Islamic Courts Union, ICU) – ein Zusammenschluss von Geschäftsleuten, Milizenführern und Klerikern, die zunächst einmal dem allgemeinen Chaos ein Ende setzen wollten. Es gelang der ICU in langjährigem Kampf gegen Banditen, konkurrierende Warlords und Klanchefs sowie eine international anerkannte, aber im Inland weitgehend bedeutungslose »Übergangsregierung«, die Kontrolle über die Hauptstadt Mogadischu und weite Teile des Landes zu übernehmen. Mit einem strengen Vorgehen gegen Kriminalität und Korruption und dem Aufbau eines Verwaltungsapparates konnte sich die ICU – durchaus vergleichbar mit den Taliban in Afghanistan – in einem größeren Teil der Bevölkerung verankern.
Die zweieinhalbjährige äthiopische Invasion ab 2006 beendete diese Phase relativer politischer Stabilität sehr bald. Addis Abeba betrachtet bis heute eine starke somalische Zentralregierung als potentielle Bedrohung, seit die Briten 1948 rund die Hälfte ihrer Kolonie Britisch-Somaliland an Äthiopien abgetreten hatten. Einen somalischen Versuch, den hauptsächlich von Somaliern bewohnten Ogaden mit Waffengewalt zurückzuerobern, schlug die äthiopische Militärregierung 1977/78 zurück.
Beim Einmarsch von 2006 konnte Äthiopien auf tatkräftige militärische und geheimdienstliche Unterstützung der USA zählen, die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ihren »Krieg gegen den Terror« ausgerufen hatten.
Im Widerstand gegen die äthiopische Besatzung konnte sich der deutlich radikalere Jugendflügel der ICU, Al-Schabaab (arabisch für: die Jugend), als führende Kraft profilieren. Die Fundamentalisten zwangen die äthiopische Armee 2009 zum Abzug und eroberten große Teile Somalias zurück.
Die Aufgabe des Regime-Changes wurde daher von Washington und Addis Abeba der Afrikanischen Union (AU) übertragen, die der ausländischen Einmischung mit einer multinationalen Truppe Legitimität verleihen sollte. Einheiten der ugandischen und burundischen Armee vertrieben Al-Schabaab aus der Hauptstadt und setzten eine im kenianischen Exil gegründete Übergangsregierung ein. Diese rief 2012 eine somalische Bundesregierung aus, die seitdem die international anerkannte Regierung bildet, es aber bis heute nicht geschafft hat, die volle Kontrolle über das Staatsgebiet zu erlangen.
Das gilt insbesondere für die abtrünnige Provinz Somaliland – strategisch günstig an der Einfahrt zum Bab Al-Mandab gelegen – die sich 1991 für unabhängig erklärte und jede Einflussnahme Mogadischus ablehnt. Diese Unabhängigkeit wird international nicht anerkannt – außer von Israel und Taiwan, also Staaten mit eigenen Legitimitätsproblemen. Eine Anerkennung durch die äthiopische Regierung wurde Ende 2024 abgewehrt. Zwar strebt Äthiopien, das bevölkerungsreichste Binnenland der Erde, nach einem Zugang zum Meer, seit es diesen durch die Unabhängigkeit Eritreas 1993 verloren hat. Doch Ankara, Riad und Beijing konnten Addis Abeba überzeugen, diesen Zugang in friedlicher Kooperation mit der Zentralregierung anzustreben – vielleicht aber nur vorübergehend.
Israel versucht mit der Anerkennung von Somaliland im Dezember 2025 ebenfalls, sich am Horn von Afrika festzusetzen. Doch diplomatische Beziehungen zu dem völkermörderischen Apartheidregime sind – besonders in diesem Teil der Welt – aktuell toxisch. Bisher unbestätigte Berichte über Pläne zur zwangsweisen Umsiedlung von Palästinensern aus Gaza nach Somaliland beunruhigen die örtliche Bevölkerung zusätzlich. Anstatt also seine Souveränität zu festigen, sieht sich Somaliland nun mit zunehmendem Widerstand von innen wie von außen konfrontiert.
Die Regierung in Mogadischu setzt nämlich immer stärker auf die neue Allianz zwischen der Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan mit einer möglichen Erweiterung durch Ägypten. Die vier Staaten haben ihre eigenen Gründe, einem Zerfall Somalias und dem israelischen und äthiopischen Einfluss entgegenzuwirken. Auch Beijing unterstützt die somalische Zentralregierung, seit die Separatisten von Somaliland mit den Separatisten aus Taiwan 2020 quasidiplomatische Beziehungen aufgenommen haben. Im Ergebnis wird das Horn von Afrika so zu einem zunehmend unberechenbaren Schauplatz, auf dem sich globale Großmachtkonflikte mit den Ambitionen regionaler Mächte überschneiden.
Philip Tassev ist Redakteur der Tageszeitung junge Welt.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
