Zum Inhalt der Seite
Lateinamerika

Klageliste gegen Cerimedo wird länger

Neue Vorwürfe in Bolivien: »Politikberater« auch in Drogenhandel verstrickt. Audioleak weist auf Wahlmanipulation in Honduras

Foto: Ipa Ibanez/REUTERS
Von Mar-a-Lago in den Knast: Cerimedo wird nach der Gerichtsanhörung abgeführt (Santa Cruz, 21.8.2026)

Hausdurchsuchungen hatten unter anderem hohe Summen an nicht deklariertem Bargeld und eine Botfarm zutage befördert. Am Mittwoch eröffnete die Staatsanwaltschaft ein weiteres Verfahren gegen den einstigen »Politikberater« der lateinamerikanischen Ultrarechten: Er soll im Departement Beni an der Grenze zu Brasilien Flüge, die im Zusammenhang mit Drogenhandel stehen, gedeckt haben. Ende vergangenen Jahres war der jetzt in Santa Cruz einsitzende Strippenzieher noch Gast in Donald Trumps privatem Luxusresort Mar-a-Lago; im März posierte er beim rechten Gipfeltreffen »Escudo de las Américas« in Florida selbstbewusst an der Seite von Honduras Staatschef Nasry Asfura – zu dessen Wahl im November 2025 es ebenfalls neue Vorwürfe gibt.

Während die mächtigen Nutznießer des »Trollkönigs« ihn fallenlassen wie eine heiße Kartoffel, kommen immer mehr Details über sein Netzwerk digitaler Kampagnen ans Licht, das von Miami und Washington aus gesponnen wurde und darauf abzielt, bei Wahlen in Lateinamerika ultrarechte Kandidaten an die Macht zu bringen. Es ist zwar nichts Neues, dass die USA und andere westliche Mächte versuchen, durch Drohungen, Gewalt, Desinformation, und »Lawfare« Einfluss auf die politischen Prozesse in Lateinamerika zu nehmen, doch der Fall Cerimedo offenbart, mit welchen subtilen Methoden die jüngsten Wahlen manipuliert wurden.

Der frühere honduranische Finanzminister, Marlon Ochoa, veröffentlichte am Mittwoch auf X erneut einen Audiomitschnitt, den er der Staatsanwaltschaft als Mitglied des Nationalen Wahlrats (CNE) bereits einen Monat nach den Präsidentschaftswahlen übergeben hatte. In der Aufnahme bestätigt Cerimedo, dass Wahlurnen mit Stimmzetteln zugunsten des seit Ende Januar amtierenden Präsidenten gefüllt und andere entfernt wurden. Nach dem knappen Wahlsieg Asfuras – Wunschkandidat Trumps – hatte der Oberste Gerichtshof angeordnet, die Untersuchungen einzustellen. Jetzt müsse endlich die Wahrheit ermittelt werden, fordert Ochoa. »Honduras muss erfahren, wie die ausländische politische und digitale Maschinerie funktioniert, die darauf abzielt, den Volkswillen zu verfälschen«, erklärte auch Rixi Moncada, die damalige Kandidatin der früheren linken Regierungspartei Libre.

Anzeige

Auch Kolumbiens ehemaliger Staatschef Gustavo Petro prangerte am Donnerstag erneut Manipulation bei den Präsidentschaftswahlen im Juni an. Laut Petro würden forensische Daten aus dem Mobiltelefon von Cerimedo die bereits kurz nach dem umstrittenen hauchdünnen Wahlsieg des ultrarechten Präsidenten Abelardo de la Espriella erhobenen Vorwürfe bestätigen. Der Betrug sei unter anderem durch mehr als zwei Millionen Bots und gefälschte Profile erfolgt, die von automatisierten Serverfarmen im Ausland gesteuert worden seien. In Chile forderte zugleich der Abgeordnete der Sozialistischen Partei, Juan Santana, die Staatsanwaltschaft auf, die Rolle des Argentiniers während der Kampagne gegen die Verfassungsreform im Rahmen des Referendums von 2022 zu untersuchen. Die Anzeige zielt darüber hinaus auch darauf ab, zu klären, ob Cerimedos Netzwerke aus Fakeaccounts bei den Präsidentschaftswahlen 2025 zugunsten des heutigen ultrarechten Staatschefs José Antonio Kast eingesetzt wurden. Boliviens indigener Exstaatschef Evo Morales brachte den einstigen Wahlkampfberater des argentinischen Rechtsaußenpräsidenten Javier Milei in einem Radiointerview mit der CIA in Verbindung. Cerimedo habe als ausführendes Organ gehandelt, um den Einfluss Washingtons und der extremen Rechten in der Region zurückzugewinnen, sagte Morales.

Vor den im Herbst stattfindenden brasilianischen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen, richtet sich das Interesse im größten und bevölkerungsreichsten Land Südamerikas vor allem auf die Verbindungen zur Familie des wegen eines versuchten Staatsstreichs zu 27 Jahren Haft verurteilten Expräsidenten Jair Bolsonaro. Dessen Sohn Flávio tritt im ersten Wahlgang am 4. Oktober gegen den amtierenden sozialdemokratischen Staats- und Regierungschef Luiz Inácio Lula da Silva an. Wie die Zeitung Folha de S. Paulo am Mittwoch berichtete, hatte Cerimedo unlängst angekündigt, sich »für die Kandidatur von Flávio Bolsonaro in Brasilien« einzusetzen. Dies habe Beller, die den Anschlag auf sich in Bolivien nur knapp überlebte, gegenüber Folha de S. Paulo bestätigt. Bolsonaros Wahlkampfteam habe auf entsprechende Anfragen nicht reagiert, so die Zeitung.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 29.08.2026, Seite 7, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!