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Abstieg vor aller Augen

Sechs Monate US-israelischer Krieg gegen Iran

Foto: Majid Asgaripour/WANA (West Asia News Agency) via REUTERS
Durch einen Luftangriff zerstörtes Gebäude in Teheran (22.8.2026)

Ein halbes Jahr Krieg in Iran – das ist zunächst ein halbes Jahr Furcht, Schrecken und Leid für die Bevölkerung des von den USA und Israel überfallenen Landes, die laut offiziellen Angaben mehr als 3.500 Todesopfer und Zehntausende Verletzte zu beklagen hat und die seit dem 28. Februar unter noch erheblich stärkeren Entbehrungen leben muss als aufgrund der westlichen Sanktionen schon zuvor. Das Leid der Bevölkerung ist in jedem Krieg zentral. In diesem muss man es hierzulande aber um so mehr betonen, als das offiziöse Gedenken in Deutschland stets nur verbündeten Staaten gilt, deren Flaggen, wenn sie angegriffen werden, auf das Brandenburger Tor projiziert werden, während man die Opfer verfeindeter Länder ignoriert: Gedenken ist in der Bundesrepublik längst Kampfgedenken geworden, ein Instrument im Kampf um die Köpfe. Im Fall Irans kommt hinzu, dass Berlins bedeutendster militärischer Verbündeter dem Land die nukleare Vernichtung angedroht hat – so wird dort jedenfalls, völlig zu Recht, Donald Trumps Drohung mit der »Auslöschung einer ganzen Zivilisation« verstanden. In Deutschland zucken die meisten nur die Schultern.

Militärisch sind die Vereinigten Staaten sechs Monate nach der ersten Angriffswelle gegen Iran mit all ihren Vorhaben gescheitert. So diffus und widersprüchlich sich Präsident Donald Trump zu den Kriegszielen äußerte – Regime-Change, Zerstörung aller Nuklearanlagen, Zerstörung aller iranischen Raketen: Nichts davon ist eingetreten. Im Gegenteil: Die USA mussten selbst einige Todesopfer und vor allem erhebliche materielle Schäden an ihren mittelöstlichen Militärbasen hinnehmen. Und das aus ihrer Sicht Gravierendste: Sie haben die Kontrolle über die Straße von Hormus an Iran verloren. Den Krieg fortzusetzen bietet sich nicht an: Die US-Streitkräfte haben große Teile ihrer Raketenbestände schon verschossen. Sie verfügen etwa nur noch über ein Drittel ihrer »Patriot«-Abwehrraketen; noch ein paar Wochen iranischen Raketenfeuers, und sie stünden womöglich blank da. Für den Staat, den bisher alle für die stärkste Militärmacht der Welt hielten, ist das ein Desaster. Schlimmer noch: Die US-Streitkräfte haben kürzlich ein Manöver mit Südkorea mit der Begründung abgesagt, der Iran-Krieg verschlinge allzu viele Kapazitäten. Wie sie sich da den Krieg gegen China vorstellen, von dem immer wieder die Rede ist, ist ein Rätsel.

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Dass die Trump-Administration in dieser Woche offiziell vom Schieß- zum Wirtschaftskrieg übergegangen ist, ist eine militärische Bankrotterklärung. Sie wird weltweit ebenso sorgfältig wahrgenommen wie die unter Trump ins Extreme gewucherte Unzuverlässigkeit der USA. Nicht nur in Mittelost machen immer mehr Staaten ihr eigenes Ding; aktuelles Beispiel: das saudisch-pakistanisch-türkische »Mekka-Pakt«. Doch selbst in Südostasien geraten die Dinge in Bewegung; Malaysias Premierminister Anwar Ibrahim äußerte kürzlich Verständnis für eine etwaige militärische Rückeroberung Taiwans durch Beijing. Der Abstieg der Vereinigten Staaten hat schon vor Jahren begonnen. Der Iran-Krieg aber hat ihn aller Welt vor Augen geführt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.08.2026, Seite 3, Ansichten

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