Autonomiestreben und Realität
USA: Nur wenig Fortschritt in Sachen Unabhängigkeit bei seltenen Erden. US-Konzern will deutschen Magnethersteller kaufen
Binnen kürzester Zeit wollen die USA in Sachen seltene Erden und andere kritische Mineralien von China unabhängig werden. Schon im März 2025, zwei Monate nach Beginn seiner zweiten Amtszeit, hatte Präsident Donald Trump eine Executive Order erlassen, nach der Abbau und Verarbeitung der gefragten Mineralien durch US-Unternehmen stark ausgebaut werden sollten. Am Montag vergangener Woche folgte ein weiteres Dekret: Ab Jahresbeginn 2027 soll es für Unternehmen erheblich schwerer werden, Sonderlizenzen für den Import von seltenen Erden aus China zu erhalten. Die Deadline ist gesetzt – nur sie einzuhalten, das könnte schwierig werden, wie eine am Dienstag veröffentlichte Recherche der Nachrichtenagentur Reuters zeigt.
Reuters hat sich ausführlich in der Branche umgehört und ist dabei zu ernüchternden Ergebnissen gelangt. Ein paar Beispiele: Ucore Rare Metals, ein vom Pentagon unterstütztes, als durchaus vielversprechend eingestuftes Startup, hatte ursprünglich versprochen, noch im Jahr 2025 mit der Produktion seltener Erden zu beginnen. Inzwischen heißt es, das werde nicht vor 2027 geschehen. Immerhin: Man werde die Fabrik zur Herstellung von Dauermagneten beliefern können, die wiederum das Unternehmen Vulcan Elements in North Carolina errichte. Die eröffnet wann? Nun ja – im Jahr 2030.
Ähnlich sieht es beim Konzern Energy Fuels aus: Das Unternehmen, das bisher mit Uranabbau sein Geschäft macht, will gleichfalls in die Verarbeitung seltener Erden einsteigen. Zum Jahreswechsel werde man aber nur kleinere Mengen herstellen können, im Jahr 2029 vielleicht 6.000 Tonnen. Zur Einordnung: 2025 lag der US-Verbrauch nur der wichtigsten Arten von Seltenerdmagneten bei 48.000 Tonnen; Optimisten schätzen die Gesamtproduktion für 2026 auf allenfalls 5.000 Tonnen.
Dabei sind die jüngsten Schwierigkeiten, die die Trump-Administration der Branche eingebrockt hat, noch gar nicht eingepreist. Sie hat, großspurig wie eh und je, im Juni einmal wieder Sanktionen gegen chinesische Unternehmen verhängt – und damit Gegensanktionen der Volksrepublik ausgelöst: China setzte Lieferrestriktionen gegen zehn US-Unternehmen in Kraft, darunter insbesondere Firmen, die seltene Erden fördern und weiterverarbeiten. Das verkompliziert deren Aufholjagd erneut.
Nun, was man nicht hat, das kauft man: Energy Fuels, die erwähnte Uranbergbaufirma, die zum Einstieg in die Produktion seltener Erden vom Pentagon einen Kredit in Höhe von 725 Millionen US-Dollar erhalten hat, will das einzig verbliebene westliche Unternehmen erwerben, das Dauermagnete im großen Stil herstellt – die Vacuumschmelze GmbH (VAC) mit Sitz in Hanau. Die US-Firma will für das einst aus dem Heraeus-Konzern abgespaltene deutsche Traditionsunternehmen mit zur Zeit rund 3.600 Beschäftigten, davon etwa 1.000 am Stammsitz, den stolzen Preis von 1,9 Milliarden US-Dollar (circa 1,67 Milliarden Euro) entrichten.
VAC-Chef Erik Eschen gab sich gegenüber dem Handelsblatt hochzufrieden. Denn einerseits könne Energy Fuel alle benötigten seltenen Erden beschaffen – auch die, die die VAC nur noch eingeschränkt aus China erhält, weil die Firma unter anderem auch westliche Rüstungskonzerne beliefert. Andererseits fördert Washington die Branche viel energischer, als Berlin das tut. Der Bau des neuen VAC-Werks in South Carolina, das 2025 öffnete, ließ sich dank reduzierter Auflagen deutlich leichter bewerkstelligen, als es in Deutschland der Fall wäre. Als das Bundeswirtschaftsministerium vergangenes Jahr einen »runden Tisch« zu seltenen Erden abhielt, sagte Eschen denn auch ab: Parallel fanden Treffen im Weißen Haus statt, und die waren für die VAC offensichtlich erheblich attraktiver als die drögen Mühlen der deutschen Ministerialbürokratie.
Gesichert ist die Übernahme durch Energy Fuels allerdings noch nicht, denn die Genehmigung der deutschen Bundesregierung steht noch aus. Das Prüfverfahren läuft. Politisch spräche alles für ein klares »Nein«. Denn auch die EU will eigentlich in puncto Produktionsketten der seltenen Erden autonom werden. Ein herausragendes Branchenunternehmen in fremde Hände zu geben – das verbietet sich da eigentlich. Zumal klar ist, dass die VAC, sobald sie zu Energy Fuels gehört, US-Rüstungsunternehmen bevorzugt beliefern wird. Die deutschen Waffenschmieden, die ebenso auf die Dauermagnete angewiesen sind, könnten dann bedrückt in die Panzerröhre schauen. Die Bundesregierung vermittelt bislang allerdings den Eindruck, sie wolle die Übernahme nicht stören und lediglich Standortgarantien für Hanau aushandeln – aus Furcht vor neuen Zöllen oder sonstigen US-Repressalien.
Kleiner Nebeneffekt für die deutsch-französische Nachbarschaft: Als Hoffnungsträger der Branche werden neben VAC bislang vor allem französische Betriebe gehandelt. Übernimmt Energy Fuels die VAC, dann werden Europas Seltene-Erden-Produktionsketten in Zukunft womöglich nicht von Berlin kontrolliert, sondern von Paris.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
