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Es passt einfach nicht
»Elitenmonitor« bestätigt Unterrepräsentation von Ostdeutschen in gesellschaftlichen Spitzenpositionen
Es ist Brauch geworden, dass Figuren aus dem westdeutschen Establishment vor Landtagswahlen in Ostdeutschland Hassausbrüche vom Stapel lassen. Denn die Ossis wählen immerzu verkehrt: Wurden einst die Wahlergebnisse der PDS als undankbar und unanständig vermerkt, sind es heute die der AfD. Nun verlor der stellvertretende Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Magnus Brechtken, ob der »wütenden Ostdeutschen« die Fassung. »Viele Westdeutsche haben mittlerweile die Nase voll angesichts der ständigen Klagen aus dem Osten – auch angesichts der Kosten«, wütete er in einem Interview in der Sonntags-FAZ. Wenn Ostdeutsche heute klagten, im Osten gebe es nichts zu vererben und die Leute seien ärmer als im Westen, dann liege das doch nicht daran, »dass die Westdeutschen ihnen etwas weggenommen haben«.
Diese blasierte Ignoranz ist für einen Historiker immerhin erstaunlich. Brechtken scheint es für bedeutungslos zu halten, dass zum Beispiel in Leipzig die Mehrzahl der Privatwohnungen heute westdeutschen Eigentümern gehört. Denn natürlich ist den Ostdeutschen nach 1990 ganz konkret und handgreiflich von Westdeutschen »etwas weggenommen« worden: Grundstücke, Häuser und Wohnungen, Betriebe, Arbeitsplätze.
Zu einer recht gut untersuchten spezifischen Verdrängung kam es in dem Bereich, den die deutsche Mainstreamsoziologie mit dem Begriff der »Elite« erfasst. In den Führungspositionen von Politik, Verwaltung, Justiz, Medien, Wissenschaft und Kultur wurde das Personal nach 1990 so gründlich ausgetauscht, dass man im Osten – von der Bundesebene ganz zu schweigen – auch im vierten Jahrzehnt nach dem Ende der DDR dort, wo entschieden wird, ganz überwiegend auf Westdeutsche trifft. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen stammten 2023 zum Beispiel in der Justiz ganze acht Prozent der Führungskräfte aus Ostdeutschland. Und das hat nichts, wie immer wieder behauptet wird, mit fehlenden Qualifikationen zu tun, sondern vor allem mit westdeutschen Netzwerken, die diese Posten nach 1990 unter sich verteilt haben und ihre Leute seither »nachziehen«. »Selbst bei gleicher Qualifikation und Berufserfahrung haben Westdeutsche in Ostdeutschland bessere Chancen, eine Spitzenfunktion zu erreichen«, konstatierte 2024 der Leipziger Soziologe Jörg Hartmann.
Dieses Thema wird seit einiger Zeit vergleichsweise intensiv bearbeitet. Auch außerhalb der Linkspartei, deren Bundestagsfraktion dazu regelmäßig Anfragen an die Regierung richtet, ist erkannt worden, dass das in Ostdeutschland viele Menschen – und nicht nur die »Abgewickelten« der 90er Jahre – beschäftigt. Seit 2022 gibt es das Projekt »Elitenmonitor«, das von der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland gefördert wird.
Am Montag haben die beteiligten Wissenschaftler der Universitäten Leipzig und Jena sowie der Hochschule Zittau-Görlitz wieder vermeldet, dass die Unterrepräsentation anhält. Der Anteil von Ostdeutschen in Spitzenpositionen ist demnach zwar von 10,9 Prozent 2018 auf 12,1 Prozent 2024 gestiegen, liegt damit aber immer noch deutlich unter dem Bevölkerungsanteil. Der Anstieg ist den Angaben zufolge vor allem auf die öffentliche Verwaltung und den Wissenschaftsbereich zurückzuführen, während der Anteil von Ostdeutschen in den Sektoren Politik, Militär, Medien, Kirchen, Gewerkschaften und Justiz stagnierte und in der Wirtschaft, der Kultur, dem Sicherheitsbereich und der »Zivilgesellschaft« sogar sank. Allein in der Politik entspreche der Anteil der Ostdeutschen inzwischen ihrem Bevölkerungsanteil – aber nur, wenn die »Elitenpositionen« in den Ländern mitberücksichtigt werden.
Die Analyse verdeutliche, »dass die geringe Präsenz Ostdeutscher in Spitzenpositionen nicht allein eine Nachwirkung des Systemwechsels in der DDR und ihres Beitritts zur Bundesrepublik ist«, sagte der Leipziger Politikwissenschaftler Lars Vogel. Er verwies unter anderem auf fehlende »Zugänge zu Netzwerken« und »die Frage, welche Erfahrungen und Lebensläufe bei Auswahlentscheidungen als passend wahrgenommen werden«. Manchmal passt es eben nicht, würde Brechtken hier vermutlich einwenden.
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