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»Wie bekommen wir unsere Kieze zurück?«
Berlin: Solidarisches Zentrum Bum muss nach sieben Jahren schließen. Senat lehnte Nutzungsangebot ab. Ein Gespräch mit Eva Mörchen
Der Kampf ist zunächst verloren: Zum Jahresende muss das Bum (Eigenschreibweise bUm), früher bekannt als Betterplace Umspannwerk, aus dem alten Industriebau am Paul-Lincke-Ufer in Berlin-Kreuzberg raus. Woran sind die Verhandlungen gescheitert?
Letztlich an der Eigentumsfrage. Leider gilt in Berlin: Private Kapitalinteressen einer Holding aus den USA stehen über dem Gemeinwohl, Leerstand über solidarischen Räumen. Sieben Jahre mietfreie Nutzung waren eine einmalige Ausgangslage nach den erfolgreichen Protesten gegen den Google-Campus. Wir waren bereit, aus dieser privilegierten Situation herauszukommen, und haben daher ein Modell entwickelt, das eine Kaltmiete von 20.000 Euro im Monat vorsah. Unser Angebot wurde abgelehnt. Ohne Gegenvorschlag und ohne konstruktiven Austausch über mögliche Lösungen. Gerade weil große Teile des Umspannwerks seit Jahren leer stehen, ist das für uns schwer nachvollziehbar.
Welche Verantwortung trägt der Berliner Senat für das Aus?
Der ist nicht der Eigentümer, aber Politik entscheidet über die Rahmenbedingungen. Wir waren mit Politik und Verwaltung im Gespräch und haben nach Lösungen gesucht, aber es fehlt an politischem Willen und Instrumenten, um gegen Verdrängung und Leerstand vorzugehen. Die Politik spricht von Zivilgesellschaft und fördert sie auch, wenn sie politisch genehm ist. Was aktuell jedoch nicht gewünscht ist, ist eine unabhängige Zivilgesellschaft, wie man am Beispiel des Kulturzentrums Oyoun gesehen hat, dem die Förderung einfach entzogen wurde, als es sich nicht der Politik des Senats angepasst hat.
Ihr Zentrum gehört zu den letzten großen Räumen in Berlin, in denen Veranstaltungen möglich sind, bei denen deutliche Kritik an israelischen Verbrechen geäußert werden kann. Was bedeutet die Schließung vor diesem Hintergrund?
Angesichts des anhaltenden Genozids in Gaza ist es für uns selbstverständlich, Räume für Events in Solidarität mit den Menschen in Palästina und der großen palästinensischen Diaspora in Berlin bereitzustellen. Wir erleben sehr konkret, dass es für große Veranstaltungen zum Thema schwieriger geworden ist, Räume zu finden. Die Veranstaltung mit Francesca Albanese und Eyal Weizman im Februar 2025 konnte nach erheblicher öffentlicher Kontroverse und politischem Druck nicht wie geplant an der FU stattfinden und musste schließlich ins Bum ausweichen.
Wir vertreten klare Werte und sind gleichzeitig offen für unterschiedliche Menschen, Perspektiven und politische Auseinandersetzungen. Gerade in Zeiten, in denen reaktionäre Kräfte versuchen, unsere Gesellschaft zu spalten, brauchen wir unabhängige Räume, in denen auch unbequeme Debatten möglich bleiben. Mit der Schließung des Bum wird dieser Raum kleiner, und das betrifft nicht nur die Auseinandersetzung mit Israel, sondern grundsätzlich Orte, an denen Regierungspolitik kritisch diskutiert werden kann – ob zu Aufrüstung, Waffenexporten, Klimazerstörung oder Ausbeutung.
2025 gab es eine rechte Medienkampagne gegen das Bum. In der Taz war von einem »Szeneobjekt extremistischer Palästina-Aktivisten« und von »antisemitischer Hetze« die Rede.
Diese Charakterisierung weisen wir deutlich zurück. Antisemitismus hat im Bum keinen Platz, genauso wenig wie andere Formen von Rassismus und Menschenfeindlichkeit. Wir übernehmen Verantwortung für das, was in unseren Räumen passiert. Wo es konkrete Kritik gibt, prüfen wir sie. Bisher wurde uns kein antisemitischer Vorfall gemeldet. Kontaktschuldlogiken verwehren wir uns.
Antisemitismus ist ein reales gesamtgesellschaftliches Problem und muss bekämpft werden. Palästinasolidarische Veranstaltungen oder Kritik an der israelischen Regierung unter Antisemitismusverdacht zu stellen, hilft dabei nicht. Es marginalisiert palästinensische Perspektiven und spielt Diskursen in die Hände, die Antisemitismus vor allem als migrantisches oder muslimisches Problem darstellen. Der Antisemitismusvorwurf wird von rechten Kräften missbraucht, um Kulturkampf zu betreiben und politischen Wandel zu verhindern.
Und was bedeutet die Schließung des Bum für die Initiativen und Vereine, die dort tätig waren?
Das Bum hat sieben Jahre lang solidarisch finanzierten Zugang zu professioneller Infrastruktur ermöglicht. Etwas, das es in Berlin in dieser Form kaum gibt. Hunderte zivilgesellschaftliche Gruppen und Organisationen verlieren damit Arbeitsplätze, einen barrierearmen, oft auch kostenlosen Veranstaltungsraum und eine Gemeinschaft, die über Jahre gewachsen ist.
Aber die Bum-Gemeinschaft organisiert sich: Wir suchen neue Räume und entwickeln Formate, um die Gemeinschaft zusammenzuhalten. Wichtige Momente dafür sind das »Our Futures«-Festival am 5. Dezember und unsere Kundgebung am 17. Dezember. 2.600 Quadratmeter mitten in Kreuzberg lassen sich nicht einfach ersetzen. Verfügbarkeit von Räumen ist letztlich eine Frage des Eigentums. Darüber müssen wir sprechen: Wem gehört die Stadt und wie bekommen wir unsere Kieze zurück?
Eva Mörchen ist die Geschäftsführerin der bUm Berlin GmbH und betreibt einen Gemeinschafts- und Veranstaltungsort in Berlin-Kreuzberg.
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