Zahnrad der Konterrevolution
Zu den für das wiedervereinigte Deutschland konstitutiven Erzählungen gehört die Behauptung, dass das jähe Auftreten des Neonazismus vor allem bei Jugendlichen in den »neuen Ländern« nach 1990 gar nichts mit dem politischen Koordinatensystem der Bundesrepublik oder mit dem vom Westen gesteuerten Prozess der »Abwicklung« der DDR zu tun hat, dafür aber um so mehr mit der DDR. Der Neofaschismus nach der »Wende« wird auf das Konto des verschwundenen Sozialismus gebucht, dem bescheinigt wird, dass sein Antifaschismus »verordnet«, »missbraucht« und in jeder Hinsicht defizitär war.
Unter anderem gegen diese Legendenbildung richtet sich eine lesenswerte aktuelle Broschüre zum »Neofaschismus in Ostdeutschland«. Ihr Verfasser Jakob Yasko will klären, »welche Prozesse freigesetzt wurden«, als 1990 ein Staat der »Kontinuitäten des Faschismus einen Staat der antifaschistischen Staatsräson annektierte«. Er gibt zunächst einen Überblick über die antifaschistischen Maßnahmen in der frühen DDR: Entnazifizierung, Enteignungen, Aufbau antifaschistischer Massenorganisationen. Danach thematisiert er die neofaschistische Bewegung in Westdeutschland.
Yasko konstatiert, dass die »Auflösungstendenzen im Sozialismus« in den 80er Jahren »auch vermehrt neofaschistische Aktivitäten in der DDR« hervorriefen. In Teilen »der ohnehin von Antikommunismus geprägten ›Subkultur‹ in der DDR entstanden rassistische und nationalistische Skinheadgruppen« – zum Teil bereits unter dem Einfluss von Neonazis in der BRD. Allerdings, betont der Autor, waren diese Gruppen »marginal und wurden (wie jegliche faschistische Propaganda) strafrechtlich verfolgt. Die Größe neofaschistischer Zusammenhänge überstieg kaum die von Kleingruppen mit zehn bis zwölf Anhängern.« Diese Erscheinungen wurden nicht »totgeschwiegen«: Medien berichteten, und in der FDJ wurde darüber diskutiert.
Im Hauptteil der Broschüre versucht Yasko, den Aufbau von faschistischen Strukturen um 1990 und die parallele Zerschlagung des DDR-Antifaschismus zu beleuchten und dabei die Rolle des Staates und der Medien in den Blick zu nehmen. Deutlich wird hier, dass die in die DDR übersiedelnden Neonazikader, die Zerstörung der DDR-Gesellschaft, die Attacken auf die antifaschistische Erinnerungskultur und die Diskreditierung des Sozialismus als gesellschaftliche Alternative Teile eines Gesamtbildes sind. Der Autor spricht von einem »politischen Projekt der Konterrevolution«; die Neonazis seien ein »Zahnrad in dieser gesamten Entwicklung« gewesen. (jW)
Jakob Yasko: Neofaschismus in Ostdeutschland. Über die Zerschlagung des Antifaschismus und den Aufbau einer neofaschistischen Bewegung. Selbstverlag, 71 Seiten, kostenlos, Bezug: PDF-Download: www.kommunistische-organisation.de/broschueren/neofaschismus-in-ostdeutschland-2/
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