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»Ich wünsche keiner Stadt, die Spiele auszurichten«
Olympiabewerbung: Nach dem Rückzug Berlins droht München der Zuschlag. Ein Gespräch mit Gabriele Hiller
Der Deutsche Olympische Sportbund hat den Zuschlag für die Bewerbung als Austragungsort für Sommer- und paralympische Spiele an München vergeben. Was kommt damit auf diese Stadt zu?
Das Internationale Olympische Komitee hat nach wie vor keine festen Kriterien erarbeitet, nach denen die Städte ausgewählt werden sollen. Wahrscheinlich wird es für München immer neue Ansagen geben, was anders gemacht werden muss. Das Verhältnis der Ausrichterstädte zum IOC ist nach wie vor eines der Unterwerfung. Das Komitee hat das Sagen während der Vorbereitung und Durchführung der Olympischen Spiele. Hinzu kommt der Balztanz um die IOC-Mitglieder, die man auf seine Seite ziehen will. Das ist genauso intransparent. Auf die Münchner kommen sicherlich noch diverse Bauvorhaben zu mit den zu erwartenden Kürzungen im sozialen Bereich. Ich hoffe daher, dass »Nolympia München« weiter aktiv bleibt und sich nicht beirren lässt.
Der Berliner Staatskasse und der Bevölkerung bleibt das erspart. Kurz vor dem Votum des DOSB zog der Senat von Kai Wegner, CDU, die Bewerbung zurück. Welcher Kelch ist an dem Land vorbeigegangen?
Ein sehr risikobehafteter, der voller Intransparenz war und der unter Umständen in einem Ausmaß für eine weitere Verschuldung dieser Stadt gesorgt hätte, das man nicht vorhersagen kann. Die Finanzierungsprognose war ja mit 4,6 Milliarden angegeben und nach Akteneinsicht durch eine Grünen-Abgeordnete stellte sich die Summe als das Doppelte bis Dreifache heraus. Der Münchner Bürgermeister rechnet jetzt mit zehn Milliarden Euro.
Die Initiative »Nolympia« kämpft seit mehr als zehn Jahren bundesweit gegen das Ausrichten dieser Spiele. Nicht nur der abgewählte Regierende Bürgermeister Kai Wegner machte das Wahlergebnis vom 20. September für den Rückzug der Stadt verantwortlich. War die Wahl wirklich ein Votum über die Olympiabewerbung?
Man kann das so werten, ja. Aber der DOSB hatte vorher klare Ansagen gemacht, dass es Berlin nicht wird. Die wollte man nicht hören. Was vor der Berlin-Wahl auch kaum Beachtung fand, war das Ergebnis einer Forsa-Umfrage Ende August. Nur noch 25 Prozent der Berlinerinnen und Berliner waren einen Monat vor der Wahl für die Spiele. Die Sache war vor der Wahl schon gegessen, aber mit dem Wahlsieg der Linken hatte man einen Schuldigen.
Zwei Tage nach der Wahl veröffentlichte eine Evaluierungskommission ihre Bewertung der drei Bewerber Berlin, Köln/Rhein-Ruhr und München. Berlin schnitt schlechter ab als die anderen. Dem Aspekt »Internationale Strahlkraft außerhalb des Sports« stehe eine »niedrigere Bepunktung in den Bereichen Stabilität und Athlet*innen-Unterbringung« gegenüber. Entspricht das Ihrer Kritik?
Ja, das deckt sich. Das ist schon irgendwie auch lustig. An manchen Stellen haben wir den Eindruck, dass bei uns abgeschrieben wird. Was wir die ganze Zeit gesagt haben: Berlin kann es nicht, Berlin ist eine arme Stadt, es ist zu teuer, in Berlin ist es nicht transparent nachvollziehbar, die Bürgerinnen und Bürger sind nicht einbezogen. Auch dem DOSB ist das nicht entgangen. Aber vielleicht war das Problem, dass man unseren Protest und die Gegenstimmen nicht hören wollte.
Ist denn irgendeiner Stadt zu raten, Olympische Spiele auszutragen?
Sie sind unökologisch, sie sind medial völlig überfrachtet. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass ich irgendeiner Stadt wünsche, Olympische Spiele zu veranstalten.
Irgendwer profitiert aber davon.
Mit Blick auf das Prestige und den Wettkampf zieht der organisierte Leistungssport viel Positives daraus, klar. Aber unterhalb dieses Niveaus sind auch Sportlerinnen und Sportler dagegen. Wir haben ganze Sportgruppen, die bei »Nolympia« unterschrieben haben. Der Breitensport, der Schulsport, Kinder- und Jugendsport: Die hätten alle wenig bis gar nichts davon. Wer richtig profitiert, das sind die Immobilien- und die Bauwirtschaft. Sobald eine Stadt sich um Olympische Spiele bewirbt, wird sie für die Immobilienbranche interessanter. Die Grundstückspreise steigen schließlich auch dadurch.
Gabriele Hiller (Die Linke) war von 2001 bis 2016 Abgeordnete im Berliner Landesparlament und ist aktiv in der Initiative »Nolympia Berlin«.
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