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Essays

Der Aufschneider vom Río Quiquibey

Christian Dürrs erzählender Essay über KZ-Erfahrung und Überlebendentrauma eines spanischen Anarchisten

Foto: Bahoe Books
Der österreichische Philosoph und Historiker Christian Dürr

Im März 2007 machte sich der österreichische Philosoph und Historiker Christian Dürr in das bolivianische Amazonasbecken auf, um dort den Anarchisten Antonio García Barón zu interviewen. Der Überlebende des Konzentrationslagers Mauthausen war 1951, sechs Jahre nach der Befreiung, von Frankreich nach Bolivien ausgewandert und hatte in der entlegenen Gegend am Río Quiquibey ein Stück Urwald gerodet, auf dem er mit seiner sechsköpfigen Familie als Landwirt und Jäger lebte.

Den Hinweis auf García Barón, der am 6. August 1940, mit dem ersten Transport republikanischer Spanier, in Mauthausen eingetroffen war, verdankte Dürr dem Buch »El precio del paraíso« (»Der Preis des Paradieses«, 1995) des Journalisten und Weltenbummlers Manuel Leguineche, der wiederum durch einen Zeitungsartikel seines spanischen Landsmannes Antonio Calvo Roy 1986 auf den Protagonisten aufmerksam geworden war. Beide hatten García Baróns Äußerungen über seine Leidenszeit vor und in Mauthausen »zu sehr beim Wort«, also vertrauensselig für wahr genommen. Dürr hingegen fielen sofort die vielen Unstimmigkeiten und Übertreibungen auf, weil er sich als Historiker eingehend mit den Schicksalen von KZ-Häftlingen beschäftigte (und als Mitarbeiter der Gedenkstätte Mauthausen weiterhin damit befasst ist). Nun legt er einen erzählenden Essay vor, der auf den damaligen Interviews mit seinem im November 2008 verstorbenen Gastgeber beruht und durch die sprachliche Sorgfalt sowie die raffinierte, die Chronologie der Ereignisse immer wieder aufbrechende Struktur besticht.

Kurz zusammengefasst, leiden García Baróns Aussagen unter der Freizügigkeit, mit der er eigene Erlebnisse mit Erfindungen und angelesenen historischen Fakten vermischt, sich selbst Heldentaten zuschreibt, die andere begangen haben, die Verbrechen der SS-Männer und korrupter Funktionshäftlinge ins Unermessliche steigert und die statistischen Angaben (Zahl der Häftlinge, Zahl der Ermordeten, Dimension der Gaskammer und des Krematoriums usw.) extrem übertreibt.

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Dürr begnügt sich nicht damit, diese Übertreibungen im einzelnen richtigzustellen und moralisch als das zu begreifen, was sie objektiv sind: Lügen. Statt dessen versucht er zu verstehen, was den Mann dazu gebracht hat, seine Lebensgeschichte und sogar die seiner aragonesischen Herkunftsfamilie – der Eltern, des Bruders – auf die beschriebene Art zu verfälschen, und weist Schritt für Schritt nach, wie »sich in Antonios Gedächtnis unterschiedliche traumatische Erfahrungen überlagern, sich gegenseitig verstärken und zugleich die raum-zeitliche Ordnung durcheinanderbringen«. Der Autor folgt dabei den Erkenntnissen der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim und Ernst Federn, die, selbst Überlebende deutscher Konzentrationslager, auf den Zusammenhang zwischen dem absoluten Kontrollverlust im KZ und der Ausbildung eines extremen Ordnungssystems danach hingewiesen haben. Dieser Ordnungszwang schlug sich, Dürr zufolge, in der Rigidität nieder, mit der García Barón seine Halbwahrheiten über Jahrzehnte unverändert verkündet hat. »Sie funktionieren wie ein Schild, hinter dem der wahre Antonio García Barón verborgen, wie ein Panzer, in dem er gefangen bleibt. Seine Erzählungen sind kein Abbild seiner traumatischen Erlebnisse, vielmehr ihr Symptom.« Dadurch erklären sich für Dürr auch die verzerrenden, mythisierenden Darstellungen, die García Barón nicht nur als KZ-Häftling, sondern auch als Milizionär der Kolonne Durruti im Spanischen Bürgerkrieg, als Flüchtling in Frankreich und als Einsiedler im bolivianischen Urwald von sich geliefert hat.

Es liegt auf der Hand, dass der Autor auch auf andere mündlich behauptete oder in vorgeblichen Autobiographien festgehaltene Häftlingsberichte eingeht. Egal ob es sich um García Baróns Landsmann Enric Marco, den Österreicher Conny Hannes Meyer oder den Schweizer Binjamin Wilkomirski alias Bruno Dössekker handelt – sie unterscheiden sich von Dürrs Protagonisten dadurch, dass sie ihre KZ-Haft frei erfunden haben, während dessen Geschichte in ihren wesentlichen Elementen auf realen Begebenheiten beruht. »Antonio befand sich tatsächlich zur angegebenen Zeit an all jenen Orten, von denen er erzählt, und er erlebte am eigenen Leib, was sich dort zutrug.«

Der Fall Wilkomirski ist hinreichend bekannt, so dass es sich erübrigt, näher auf ihn einzugehen, und Meyers Behauptung, dass er als Jugendlicher nach Mauthausen deportiert worden sei, hat nur ein schwaches mediales Echo gefunden, bei dem man es glücklicherweise belassen kann. Enric Marcos Geschichte jedoch soll an dieser Stelle rekapituliert werden, zumal sie in Spanien von mehreren Filmemachern und Schriftstellern sowohl dokumentarisch als auch fiktional behandelt worden ist. Marco war nämlich als Vorsitzender der Amical de Mauthausen, der spanischen Lagergemeinschaft, eine weithin bekannte Erscheinung, und er hat kraft dieses Amtes, aber vor allem dank der Autorität, die er als angeblicher KZ-Häftling gewann, die spanische Öffentlichkeit mit dem Schicksal der etwa 10.000 deportierten Republikaner bekanntgemacht. Er war historisch beschlagen und rhetorisch gewandt, vertiefte die Zusammenarbeit mit anderen Lagergemeinschaften und hatte sich schon in seinen früheren Funktionen als Generalsekretär der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT und Vizepräsident des katalanischen Elternverbandes durch Effizienz wie Konzilianz ausgezeichnet. Man ist versucht, ihm gegenüber nachsichtig zu sein, weil er – nach einem Wort Hannah Arendts – im Dienste eines politischen Gruppeninteresses gelogen hat. Außerdem gibt es ein lebensgeschichtliches Detail, das seine Verfehlung zwar nicht rechtfertigt, aber zu relativieren scheint: Er hatte sich freiwillig – aber was war für einen Oppositionellen im spanischen Nachkriegsterror schon freiwillig? – zum Arbeitseinsatz in einer Kieler Werft gemeldet, wo er wegen prosowjetischer Äußerungen von der Gestapo verhaftet und für ein Dreivierteljahr inhaftiert wurde. Es hätte also durchaus sein können, dass er, wie von ihm behauptet, in das KZ Flossenbürg überstellt worden wäre.

Aber diese Hypothese ficht Dürr zu Recht nicht an. Allerdings hält er sich in seinem negativen Urteil über Enric Marco allzu sehr an Javier Cercas’ fragwürdigen Dokumentarroman »El impostor«, der unter dem Titel »Der falsche Überlebende« 2016, zwei Jahre nach der Originalausgabe, auch auf deutsch erschienen ist. In ihm vergleicht Cercas, der seinem Pro­tagonisten eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur attestiert, Marco mit Cervantes’ Romanhelden Don Quijote, der sich ebenfalls eine heroische Identität erfunden habe. Ich bin mir nicht sicher, ob der Vergleich angebracht ist. Auch Dürr nimmt Anleihen bei Cervantes, um für die Übertreibungen seines Helden ein passendes Ebenbild zu finden. Im Unterschied zum Ritter von der traurigen Gestalt kehrte García Barón jedoch nicht geläutert und von seinem Wahn befreit nach Hause zurück – es gab im faschistischen Spanien kein Zuhause, in das er hätte zurückkehren können, und sein Wahn, das war der Glaube, die Welt über die Hölle der Konzentrationslager aufklären zu müssen. Daran hat der Aufschneider vom Río Quiquibey bis ans Ende seiner Tage festgehalten.

→ Christian Dürr: Der Quijote vom Quiquibey. Die Geschichte des Antonio García Barón zwischen Spanischem Bürgerkrieg, Konzentrationslagern und einem Leben in der Wildnis. Bahoe Books, Wien 2026, 294 Seiten, 24 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.10.2026, Seite 11, Feuilleton

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