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Literatur

»Wie lange noch?«

Shelly Kupferbergs Roman »Stunden wie Tage« über eine stille Frau aus Schöneberg und die Widerstandskämpferin Liane Berkowitz

Foto: opale.photo/IMAGO
Historisch interessiert: Shelly Kupferberg

Es war ihre Chance: Martha E. bewarb sich 1925 im Alter von 22 Jahren auf eine Annonce im Berliner Tageblatt. Die Gebrüder Ber und Henry Berkowitz suchten eine »Hausbesorgerin mit Kenntnissen in Buchführung und Verwaltungserfahrungen«. Martha E. stammte aus einfachen Verhältnissen, hatte als gelernte Kontoristin auch Buchhaltungskenntnisse. Sie erhielt die Stelle und bezog eine Dienstwohnung in der Bahnstraße in Berlin-Schöneberg, die in den 1950er Jahren in Crellestraße umbenannt wurde. Von dieser realen Martha E., die ihr ganzes Arbeitsleben lang das Haus verwaltete, handelt der zweite Roman der TV- und Radiojournalistin Shelly Kupferberg.

Wilde Gerüchte rankten sich um die seltsame Martha E., die – hochbetagt und etwas nachlässig gekleidet – noch bis in die 1990er Jahre in der Crellestraße anzutreffen war. Sie starb 2004 in einem Heim. Ihr lässt Kupferberg mit »Stunden wie Tage« Gerechtigkeit widerfahren und verschränkt ihr Leben mit der dramatischen Geschichte einer anderen jungen Frau.

Opernsängerin und Gesangslehrerin Katharina Jewsejenko war 1923 mit dem Dirigenten Wiktor Wassiljew aus der jungen Sowjetunion nach Berlin geflohen, wo ihre gemeinsame Tochter Liane geboren wurde. Wassiljew verließ Frau und Tochter, und Katharina Jewsejenko heiratete Henry Berkowitz, einen jüdischen Russen mit lettischem Pass, der Liane umgehend adoptierte. Die kleine Liane begleitete Henry Berkowitz, wenn er Marta E. besuchte, um das Haus zu inspizieren. Die Mutter war mit dem Kind oft überfordert. Lebhaft und klug, fand Liane in Martha eine ihr zugewandte Vertraute. Marthas Ehemann, der Postbote Willy, war ein ruhiger Zeitgenosse, der zu Hause Schach gegen sich selber spielte. Sie hatten keine Kinder.

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Shelly Kupferberg erzählt liebevoll in sehr kurzen, etwas episodenhaft geratenen Kapiteln von ihren Protagonistinnen und schildert dabei auch das Leben der Arbeiter zu jener Zeit, das nicht zuletzt durch akkurate Ortskenntnisse und skurrile Figuren aus der Nachbarschaft plastisch wird. Ob es die ältere jüdische Dame Putti Levin mit ihrem burschikosen Humor ist oder Herr Hutschenreuter, der während des Faschismus seine Homosexualität besonders akribisch verbergen muss. Natürlich gibt es auch eine geschwätzige und boshafte Treppenhausdenunziantin, Frau Schulze, die zu den Nazis hält. Die Schrecken von deren Herrschaft, insbesondere für Juden, beschreibt Kupferberg am Schicksal der Berkowitz-Brüder. Sie geraten immer stärker unter Druck, müssen alle Immobilien bis auf das Haus in der Bahnstraße veräußern und Berlin in Richtung London verlassen. Ein »arischer« Geschäftskollege übernimmt pro forma das Haus, das Martha E. verwaltet. Henry Berkowitz möchte Frau und Kind mit nach London nehmen, doch Katharina weigert sich. Zu ihrem Schutz lassen sie sich scheiden.

Liane Berkowitz flüchtet oft zu Martha, um der depressiven Mutter zu entkommen. Sie erzählt ihr, dass sie sich in den Remus genannten Friedrich Rehmer verliebt hat, den sie von einer progressiven Abendschule in Schöneberg kennt. Das junge Paar schließt sich mit mehreren anderen Schülern der »Roten Kapelle« an. In der Nacht vom 17. Mai 1942 klebt Liane mit Otto Gollnow als Reaktion auf die antikommunistische Ausstellung »Das Sowjetparadies« Zettel mit dem Text: »Ständige Ausstellung. Das Nazi-Paradies. Krieg, Hunger, Lüge, Gestapo. Wie lange noch?« Am 18. Mai 1942 verübt die Widerstandsgruppe um Herbert Baum einen Brandanschlag auf die Schau im Lustgarten. Die schwangere Liane Berkowitz wird wie viele Mitstreiter im September 1942 verhaftet und vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt. Nach der Geburt ihres Kindes, das kurze Zeit nach der Entbindung stirbt, wird sie mit 13 anderen Frauen am 5. August 1943 in Plötzensee geköpft, zwei Tage vor ihrem 20. Geburtstag.

Es ist ein großes Verdienst Kupferbergs, mit ihrem Roman diese mutige junge Frau zu würdigen und ihre Geschichte einem breiteren Publikum nahe zu bringen. Ebenso wie das der stillen Martha E., die weiterhin in dem Haus in der Crellestraße lebte, das sie noch lange verwaltete, erbte und schließlich an die jüdische Gemeinde übergab. Die Mieteinnahmen spendete sie der katholischen Kirche.

→ Shelly Kupferberg: Stunden wie Tage. Diogenes-Verlag, Zürich 2026, 272 Seiten, 25 Euro

→ Johannes Tuchel: »… wenn man bedenkt, wie jung wir sind, so kann man nicht an den Tod glauben.« Liane Berkowitz, Friedrich Rehmer und die Widerstandskaktionen der Berliner Roten Kapelle. Lukas-Verlag, Berlin 2022, 486 Seiten, 22,80 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 25.09.2026, Seite 11, Feuilleton

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