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Aus: Ausgabe vom 09.12.2023, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Kostet ja nichts

Harry Baer stellt sich quer: Der neue Film von Lothar Lambert
Von Matthias Reichelt
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So eine schöne Idee: Das schwere Schicksal des Frank Schoppmeier

Warum nicht selber mal einen Film machen, kostet ja fast nichts mehr und »heute kann doch jeder Dussel drehen«, sagt sich Frank Schoppmeier, genannt Schoppi. Der dandyhafte Filmnerd mit einem Backen-Oberlippen-Bart wie aus dem 19. Jahrhundert betreibt seit zwölf Jahren das kleine und liebevoll ausgestattete Kinomuseum in Kreuzberg. Darin: Fotos, Plakate und Devotionalien aus glamourösen Tagen, Schwerpunkt Rainer Werner Fassbinder. Mit einer kleinen Bühne dient es auch als Cabaret mit Travestie, Erotik und Gesang.

Auch wenn Schoppmeier das Medium verehrt, wirklich viel Ahnung vom Filmemachen hat er nicht. Dabei ist er bereits Teil der legendären Lothar-Lambert-Familie aus Kleinkünstlern, Lebenskünstlern, Schauspielern, Amateuren und genialen Dilettanten, die dessen kurzweilige Komödien, Tragikomödien und eigenwillige Dokumentarfilme bevölkern. Lothar Lambert, dem mal jemand das Etikett »Fassbinder für Arme« angehängt hat, wird im nächsten Jahr 80 und hat mit jetzt 41 Filmen ein beachtliches Undergroundwerk geschaffen, das endlich eine breite Würdigung erfahren sollte.

Für seinen Regieversuch griff Schoppmeier 2018 auf ein unverfilmtes Drehbuch Lamberts über Schicksale im Rotlichtmilieu rund um eine Klappe zurück. Als Location wählte er das alte Pissoir am Kreuzberger Chamissoplatz und drehte dort einige Szenen mit Christina Both und Betty Lerche als Prostituierte und Arnfried Binhold als Freier. Er sammelte Szene um Szene, mit immer neuen Darstellern und Darstellerinnen, die meisten aus der Lambert-Familie, ohne auf Anschlüsse und die Handlung zu achten, die er letztlich völlig aus den Augen verlor. Schoppmeier fand nicht mehr heraus aus dem Chaos und verlor schließlich die Lust.

Ein gefundenes Fressen für Lambert, der den Film völlig überarbeitet, Szenen nachgedreht und alles zu einem Werk montiert hat, das die Geschichte des chaotischen Scheiterns auf ungewöhnliche und amüsante Art einfängt. Dabei widersteht er der Versuchung, die Geschichte zu retten, und macht statt dessen den Dilettantismus Schoppmeiers zum Thema. Das kommt bereits im Titel »Stellenweise Superscharf oder der seltsame Dreh des Herrn Schoppi« zum Ausdruck kommt. Texthänger, Versprecher und andere Pannen – eine Travestiekünstlerin fällt bei laufender Kamera von der Bühne – wurden nicht rausgeschnitten, sondern blieben wie in einer Making-of-Dokumentation erhalten. Ein typisches Element von Lamberts Stil, der auch den Perfektionsmangel als realistisches Detail würdigt.

In der ersten Szene zeigt Schoppmeier verschmitzten Charme: Er spielt Telefonate mit der von ihm verehrten Karin Baal, Margit Carstensen und der 2020 verstorbenen Irm Hermann nach, in denen er sie für eine Tragödie im Rummelplatzmilieu mit Baal und dem Fassbinder-Schauspieler Harry Baer in den Hauptrollen zu gewinnen versucht. Seine Avancen, sie mögen für Taxifahrt und Kuchen, aber letztlich honorarfrei spielen, bleiben unerhört, die Gespräche enden abrupt. Indigniert resümiert er: »Der Harry Baer stellt sich quer, und Karin Baal ist seit Wochen nicht zu erreichen und meldet sich nicht. So eine schöne Filmidee, Karin Baal als Karussellbetreiberin und Harry Baer als versoffener Penner und ich dazwischen.« Damit erklärt er den Rückgriff auf Lamberts Drehbuch zum Klappenmilieu. So wird gleich zu Beginn von Lamberts Montage das Scheitern als Thema eingeführt, das den Film trägt, der statt der Klappenstory ganz Frank Schoppmeier ins Zentrum rückt.

»Stellenweise Superscharf oder der seltsame Dreh des Herrn Schoppi« Regie: Lothar Lambert mit Material von Frank Schoppmeier, BRD 2023, 77 Min., Premiere: 9.12., 15.30 Uhr, Bundesplatz-Kino Berlin-Wilmersdorf

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