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05.06.2026
- → Feuilleton
Heiße Eisen
»Hot Potato«: Das KOW Berlin zeigt die erste Einzelausstellung der südafrikanischen Künstlerin Candice Breitz in Deutschland
Candice Breitz, die südafrikanische jüdische Künstlerin, erfuhr wegen ihres Protests gegen den Genozid Israels an den Palästinensern heftige Kritik und Diffamierung. Ihre Ausstellung über Sexarbeiterinnen in Südafrika war nach dreijähriger Planung Ende 2023 von Landesregierung und Museum im Saarland abgesagt worden. Nun findet in Berlin, allerdings in einer privaten Galerie, ihre erste Ausstellung in Deutschland statt. »Hot Potato« (»heiße Kartoffel«; »heißes Eisen«), so der Titel der Ausstellung, ist ein geflügeltes Wort und bezeichnet ein heikles Thema, das besser nicht behandelt wird. Im Deutschen kann eine unliebsame Person fallengelassen werden »wie eine heiße Kartoffel«.
Die Schau fand beim Berliner Gallery Weekend Anfang Mai großen Zuspruch, zumal die Künstlerin an drei Tagen in Folge in einem Bärenkostüm zu einer vom Publikum nicht zu vernehmenden Musik fröhlich tanzte. Damit zitierte sie eine Arbeit des britischen Künstlers Mark Wallinger, der 2004 mehrere Nächte lang als Bär verkleidet die beleuchtete Neue Nationalgalerie bewohnte. Mit dieser Anspielung auf Wallinger erinnert Breitz an ein Berlin der Offenheit, das viele internationale Künstlerinnen und Künstler anzog, die wegen unliebsamer Positionen noch nicht Ausschluss, Gängelung und Zensur zu befürchten hatten. Absagen von Preisverleihungen und Stipendien sowie Diffamierungskampagnen gegen Intellektuelle und Künstler sind mittlerweile an der Tagesordnung. Sobald die Solidarität mit den Palästinensern, verbunden mit Kritik an dem durch Israel begangenen Genozid, artikuliert wird, muss mit Konsequenzen gerechnet werden, wovon auch eine jüdische Künstlerin wie Candice Breitz nicht ausgenommen ist. Kritik an der israelischen Politik wird als »israelbezogener Antisemitismus« gedeutet und gilt als Verletzung der deutschen Staatsräson.
Diese restriktive Kulturpolitik, in deren Folge die Kunstfreiheit völlig passé sein dürfte, führt im Kunstmilieu zu Unsicherheit, sogar Angst. Breitz übt mit viel Ironie Kritik an diesem Zustand und will ihre Ausstellung dennoch als eine »wütende, aber leidenschaftliche Liebeserklärung« an Berlin und seine Geschichte verstanden wissen. Während sie die möglichen Konsequenzen aus den auch als »Code of Conduct« in allen Museen formulierten Prinzipien wie in einer Strafarbeit für die Schule in mehreren Zeilen auf Tableaus repetiert, widerspricht sie diesen auch. Neben »Ich werde keine politische Kunst mehr machen« und »Ich werde nicht gegen den Strom schwimmen« und »I will not beschmutzen my own nest« konterkariert sie den opportunistischen Kotau, in dem sie gelobt, »keinen Arsch zu küssen« und »nicht auf Eierschalen zu laufen« (die Redewendung »einen Eiertanz aufführen« lautet englisch »Walking on eggshells«, jW), sich also nicht anzupassen, zu schleimen oder kontroverse Themen zu vermeiden. Gerade weil Breitz sich nicht weggeduckt und klein beigegeben hat, war sie für die Kulturpolitik nicht mehr tragbar. Willfährige Künstler, die Israels Politik der massenhaften Tötung von Palästinensern, der Vertreibung und der Bombardements umliegender Länder als »Selbstverteidigung« weißwaschen, sind hierzulande willkommen und erhalten Förderung.
Neben ihren »Codes of Conduct« adaptiert Breitz formal die Plakatästhetik diverser Künstler, die das Medium für ihre Botschaften nutzten, und füllt sie mit aktuellen politischen Slogans in einer Doppelstrategie als einerseits Hommage an die Kolleginnen und Kollegen und aktuell als Protest. Aus John Lennons und Yoko Onos berühmtem Appell und über die Jahrzehnte international immer wieder publizierter Werbeflächenkampagne »War is over! If you want it« generiert Breitz »Genocide is over! If you want it. Never again«.
Die Auseinandersetzung mit Werken anderer Künstler zieht sich durch ihr gesamtes Werk. Breitz thematisiert auch die Berlinale und integriert in ihre Arbeit als Zitat den nach einem Entwurf der jüdischen Bildhauerin Renée Sintenis gestalteten Berlinale-Bären. Drei ausgesonderte Preistrophäen aus der Gießerei Noack sind unter Glasstürzen zu sehen. Dazu wird die Geschichte der Bildhauerin erzählt, die im Faschismus zwar Einschränkungen und Repression erfuhr, aber dank ihrer Ehe mit dem »arischen« Künstler Emil Rudolf Weiß das Naziregime überlebte. Für die Berlinale überlegt Staatsminister für Kultur und Medien, Wolfgang Weimer, einen Verhaltenskodex zu erlassen, der von den Preisträgern einzuhalten ist, um nicht staatskonforme Einlassungen (vor allem Kritik an Israel) in Zukunft auszuschließen.
Im Untergeschoss der Galerie sind zwei »Dear Esther« betitelte Videos zu sehen, in denen die Schoahüberlebende und Antifaschistin Esther Bejarano von Breitz liebevoll gewürdigt wird. Mit ihr teilt Breitz das Schicksal, als Jüdin für ihre Solidarität mit den Palästinensern angegriffen zu werden. In diesem Kontext behandelt sie brillant die Absurdität der deutschen Staatsräson, bedingungslos an der Seite Israels trotz seiner verbrecherischen Politik zu stehen.
Candice Breitz, »Hot Potato«, KOW, Frobenstr. 1, 1, 10783 Berlin, bis 27. Juni
→»A Song for Esther«, Hebbel am Ufer, 6. und 7. Juni, 19.30 Uhr
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