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Bildende Kunst

Feinste Propagandamalerei

Eine kluge und vielschichtige Arbeit: Bernhard Draz' Ausstellung »Facing North Korea« im Berliner Milchhof

Foto: Bernhard Draz/MEINBLAU Projektraum
»Willst du das Leben leicht haben, so bleibe bei der Herde. Liebe den Hirten und ehre das Gebiss seines Hundes«

Auf den ersten, nur flüchtigen Blick könnten die Besucher des Geländes vor dem Milchhof in Berlin-Mitte meinen, die Künstlerinnen und Künstler des Atelierhauses hätten den Pavillon für Wechselausstellungen mit einem Sponsorenvertrag an die Demokratische Volksrepublik Korea unter Führung von Kim Jong Un verpachtet. Zu sehen sind dort in revolutionäres Rot getauchte ­Tableaus mit feinster Propagandamalerei. Unter anderem ein großes Gemälde, das kampfbereite Genossinnen und Genossen als schwarze Silhouetten vor knallrotem Hintergrund mit gezückten Waffen unter strahlend gelbem koreanischen Schriftzug zeigt. Alarmiert, aber siegessicher sind ihre Blicke von rechts nach links dem vermeintlichen Feind entgegengerichtet. Bei genauerer Betrachtung wirkt eine mit westlich zivilem Hut bestückte Person im Figurenensemble doch eigenartig fremd, zumindest irritierend. Der Künstler Bernhard Draz führt das Publikum mit seiner »figurativen Konzeptmalerei« hier wissentlich aufs Glatteis und hat sein Konterfei dort selbst eingefügt. Ehe sich Empörung breit macht, dass hier einer von NATO und Wertewesten zum Feind deklarierten Diktatur propagandistische Selbstrepräsentation genehmigt wird, sollten die Bilder genau gelesen werden.

Die titelgebenden Slogans sind alle sowohl auf Deutsch wie auch auf Englisch zu lesen. Statt eine der typischen Parolen kraftstrotzender Abwehrbereitschaft und vermeintlicher Geschlossenheit des vermeintlich hinter der Führung vereinten Volkes zu inkorporieren, zitiert Draz Friedrich Nietzsche, den kompromisslosen Kritiker von Religion und Moral. Das titelgebende Zitat stammt aus Nietzsches nachgelassenen Fragmenten (November 1882–Februar 1883): »Willst du das Leben leicht haben, so bleibe bei der Herde. Liebe den Hirten und ehre das Gebiss seines Hundes.«

Die Desavouierung der Autoritätshörigkeit durch den ironischen Appell von Draz (und Nietzsche) ist aber keineswegs nur als Kritik an nordkoreanischer Propaganda zu verstehen. Denn das Zitat lässt sich auch auf die gegenwärtig breite Phalanx des politischen Apparates der Berliner Republik, nicht nur der Regierungsparteien, sondern ebenso der Medien und staatstragenden Intellektuellen anwenden. Gebetsmühlenartig warnen diese täglich auf allen Kanälen vor Desinformation und russischer oder sonstiger Gefahr, um ihre Kriegspolitik zu legitimieren. In diesem Sinne ist die konzeptuelle Malerei von Bernhard Draz eine kluge und vielschichtige Arbeit, die auch auf die hiesige politische Situation verweist.

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Der ausgewiesene Nordkorea-Kenner bereiste das Land 2017 zusammen mit seinem Künstlerkollegen Georg Klein. Die beiden verarbeiteten ihre Reiseerfahrungen in dem gemeinsamen Multimediavortrag »Inside North Korea«. Draz ist in Berlin nicht nur als Künstler, sondern auch als Leiter des Projektraums Meinblau auf dem Pfefferberg-Gelände bekannt. Dort hatte er bereits 2018 zusammen mit südkoreanischen Künstlerinnen und Künstlern die erste »Facing North Korea«-Ausstellung organisiert. Damals wurde die Geschichte der Teilung Koreas thematisiert. 2022 zeigte Draz Gemälde des in Nordkorea geborenen Künstlers Sun Mu, der mittlerweile im Exil lebt. Damit hat sich Draz so eindeutig positioniert, dass an eine erneute Reise nach Nordkorea nicht mehr zu denken ist.

In der nun von außen komplett einsehbaren Ausstellung im Pavillon des Milchhofs legt Draz auch einen Schwerkpunkt auf die Frauen, die in der Politik Nordkoreas präsent sind. Ein Porträt zeigt Kim Yo-jong, die Schwester des Staatsoberhauptes Kim Jong Un, die als stellvertretende Leiterin der Abteilung Agitation und Propaganda im ZK der Partei der Arbeit Koreas u. a. für das Erscheinungsbild von Staat und Bruder (sprich, dem »Obersten Führer«) verantwortlich ist. Ihrem Porträt hat Draz als Titel in koreanischer Schrift ein Zitat der US-amerikanischen Feministin Laurel Thatcher Ulrich verpasst: »Wohlerzogene Frauen schreiben selten Geschichte.« Tatsächlich tritt Kim Yo-jong auch mit pointierten Äußerungen international hervor. Erst kürzlich wies sie die Forderung des südostasiatischen Staatenbundes ASEAN nach atomarer Abrüstung scharf zurück und entgegnete: ASEAN solle sich hüten, »als bezahltes Sprachrohr der USA missbraucht zu werden«.

→ Bernhard Draz, »Facing North Korea. Empathic Propaganda. Conceptual Figurative Painting«, bis 23. August, Pavillon am Milchhof, Schwedter Str. 232, 10435 Berlin

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Erschienen in der Ausgabe vom 13.08.2026, Seite 10, Feuilleton

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