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Literatur

»Bisschen linksradikal, bisschen sweet«

Luca Kiesers Ermittlerroman »Simsalabim, Simon Brenner« über die unmögliche Trennung von Lohnarbeit, Privatem und Politik

Foto: Ina Aydogan/MWK Baden-Wuerttemberg
Steckt selbst im Buch: Autor Luca Kieser

Der Titel des Romans von Joseph Heller, »Catch 22« (1961), ist im englischen Sprachraum zum geflügelten Wort geworden und meint ein Dilemma, aus dem eben nicht der hiesig geläufige »Trick 17« so einfach und geschmeidig hinausführt. Aus dem Roman auf den Allgemeinplatz und unter anderem in die Lyrics von Nirvanas »Territorial Pissings« gewandert ist auch die Weisheit, dass, nur weil man paranoid sei, es nicht zwangsläufig heißen müsse, dass man nicht auch verfolgt würde.

Das Umfeld des Heidelberger Ethnologieerstsemesters Simon Brenner scheint Verdacht zu hegen, mag aber vorrangig mit sich beschäftigt sein und der Frage, ob man denn an Verfolgungswahn leide. Denn der Mitstreiter ist nun mal ein Mitstreiter, verhält sich aber auffällig, ja. Er redet manchmal wie eintrainiert, wirft einer Diskutantin vor, »strukturiert antisemitisch« zu sein, statt strukturell, und überhaupt scheint es so, dass Simon sich ständig ertappt fühlt. Der Schein aber scheint nur so: Er ist verdeckter Ermittler, Jüngster einer Bullen-, VS- und Zollfamilie, und heißt eigentlich wie der Autor des Romans, Luca Kieser.

Warum Kieser, wie es im Haftungsausschluss heißt, »sich als Kunstfigur selbst in das Buch« hineinschreibt und »so im Sinne der Kunstfreiheit eine eigene Lebenswelt« schafft, ist so unerheblich wie der Hinweis auf die Kunstfreiheit selbst, die gerne da bemüht wird, wo das Geschaffene möglicherweise nicht hinreichend als Kunst durchgehen könnte.

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Unklar ist auch, wie sinnvoll der Einsatz ist, in den die Figur Luca Kieser als Simon Brenner geschickt wird, um rund um den Bildungsstreik 2010 Castortransporte und Nazis blockierende SDSler, meditierende Wolfgang-Pohrt-Leserinnen und andere Antideutsche zu bespitzeln, die über ihre eigene Szenegeschichte nicht wissen, dass sie Halbes wissen, trefflich aber »kein historisches Bewusstsein« bei den anderen sehen. Wen er damit meine, fragt Brenner einen SDS-Genossen, den nicht nur die Palitücher auf der Sitzblockade stören, sondern jene, die sie tragen: »Solche migrantischen Antifa-Gruppen.« Das Schizoide will nicht nur von Ziften gelernt sein.

Die Hinweise auf Straftaten, die Brenner sammelt, sind jedenfalls dürftig – doch, wissen wir seit dem im Roman zitierten »Rauch-Haus-Song« der Scherben, können für den Klassenstaat auch zehn ausgetrunkene Weinflaschen »schnell zehn Mollis sein«. Kriminell sind die aktionistischen Anarchoakademikerinnen – »bisschen linksradikal, bisschen sweet« – genauso wenig wie »Simsalabim, Simon Brenner« ein Kriminalroman.

Es plätschert und spitzelt so vor sich hin. Dass zwar immer wieder große Höhepunkte mit Verweis auf eine bald anstehende Enttarnung angekündigt werden, aber nicht geschehen, ist einerseits ermüdend, weist aber letztlich auf das eigentliche Thema hin: die Unmöglichkeit, Lohnarbeit, Privates und Politisches voneinander zu scheiden. Autor Luca Kieser lässt Erzähler Luca Kieser über Simon Brenner berichten, als sei der einer, der sich des Erzählers Luca Kiesers Geist und Leib bemächtigt, mit ihm sonst aber nicht identisch ist. Was nicht funktioniert, wenn einer monatelang eine Rolle spielt und nicht umhin kann, sich mit der Rolle zumindest teilweise zu identifizieren, um sie auszufüllen, auch wenn es genau um solche ­Typen geht, gegen die er zu arbeiten hat. Dilemma, Catch-22. Geht da Simon Brenner oder dessen Wirt Luca Kieser gegen Buchende zu dem um, was beide das »genetisch Feminine« nennen? Hat sich da einer zu sehr von sich entfremdet? Der Käfer, der wider Kafkas Willen auf etlichen Deckeln von »Die Verwandlung«-Ausgaben gelandet ist, hat es auch auf das Cover von Luca Kiesers »Simsalabim, Simon Brenner« geschafft.

→ Luca Kieser: Simsalabim, Simon Brenner. Karl-Blessing-Verlag. München 2026, 336 Seiten, 24 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.09.2026, Seite 11, Feuilleton

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