Fort aus dieser leblosen Welt
Musik zu Gedichten von Gefängnisinsassen aus mehreren Epochen: »Tristia« von Philippe Hersant in einer Aufführung in Kooperation mit dem Berliner Gefängnistheater »Aufbruch«
Der Chor des Jungen Ensembles Berlin wird am 4. Oktober »Tristia« in der Parochialkirche singen. Es handelt sich bei diesem Werk des zeitgenössischen französischen Komponisten Philippe Hersant um die Vertonung einer Reihe von Texten, die von Strafgefangenen geschrieben wurden. Um das Werk auch an den Ort zu bringen, an den es gehört, hatte sich das Junge Ensemble an das Gefangenentheater »Aufbruch« gewandt, und so kam es schon vergangenen Dienstag zu einer nichtöffentlichen Premiere in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel. Dieser wohnten immerhin 40 der momentanen Bewohner dieser Anlage bei, der Rest der Plätze wurde paritätisch auf Justizvollzugsbeamte und Leute rund um das Ensemble verteilt. Die Schauspieler des Gefangenentheaters wiederum rezitierten zwischen den Liedern einige der gesungenen Texte in deutscher Übersetzung, so dass man nicht allein auf die Musik angewiesen war.
Man hätte sonst vielleicht geglaubt, in einem Kloster zu sein. Musikalisch dominiert nämlich die Kirchenmusik noch vor der Zeit Bachs. Das passt gut zur Herkunft der Texte: Die Zisterzienserabtei von Clairvaux wurde während der Französischen Revolution stillgelegt und dann unter Napoleon einem säkularen Zweck zugeführt, sprich zum Gefängnis umfunktioniert. Die Texte der ursprünglichen Komposition stammen von Häftlingen ebendieser erst jüngst stillgelegten Anstalt. Später wurden sie auf Bitte von Teodor Currentzis um Gedichte von sowjetischen Strafgefangenen erweitert, um dann 2016 unter dessen Leitung im sibirischen Perm uraufgeführt zu werden.
Dem Kirchenton entsprechend ist die Grundstimmung trübe. Ein Cello kommt kaum von der Stelle. Der vom Chor dazu unisono gesungene Traum von Freiheit endet im seltsam regelmäßigen Klacken einiger versetzter Metronome: »Die Zeit verstreicht und bleibt sich gleich.« Dann ein Durcheinander flüsternder Seelen, »dem Gras vergessener Friedhöfe entrissen«, begleitet von einem gezupften, modernem Rock entlehnten Riff, noch immer des Cellos. Dieses gibt urplötzlich einem Auferstehungschor Raum, indem es doch eine Melodie anstimmt. Jenseits der Gitter des für solche Veranstaltungen hervorragend geeigneten, völlig kahlen Kulturraums der JVA Tegel strahlt kurz »helles Licht der Erlösung«. Überhaupt wendete sich die Musik mitunter ins Heitere, etwa wenn die Frauen die Metamorphose einer Raupe besingen, die aus ihrem »schlafenden Kokon« erwacht und zum Schmetterling wird. Andächtig das Echo der Männer: »Fort aus dieser leblosen Welt erhebt er sich ins Unendliche.«
Von den vielen vorhandenen Stimmungen fehlt aber die des Aufruhrs. Es gibt keinen exaltierten, kollektiven Ausbruchsversuch. »Ruiniertes Leben, verbrannte Stühle, soviel Reue.« Die Schuld wird im fehlgehenden Individuum selbst gesucht, die Gesellschaft, die der Gefängnisse bedarf, bleibt Leerstelle. Der Zyklus endet mit den Zeilen eines Häftlings, der dem Kerker meditativ entflieht: »Weder Hass noch Schmerz, Zen für die Ruhe, weder Gitterstäbe noch Ketten.« – Philippe Hersant ist kein Luigi Nono, sondern Vertreter einer Richtung, die Anhänger klassischer Avantgardemusik »Esthétiques passéistes« nennen: rückwärtsgewandte Ästhetik.
Aber sei’s drum. Langweilig wie oft die Avantgarde ist das Stück nicht. Und bei allem kunstvollen Manierismus enthält die »Tristia« genug seltsame Rhythmik und Dissonanz, um einen begabten Laienchor durchaus zu fordern. Und dann war das Kloster dieser besonderen Aufführung eben ein modernes Hochsicherheitsgefängnis. In diesem hat man das alte Panoptikum überwunden, bei dem eine maximale Zahl von Gefangenen durch eine minimale Zahl an Wärtern in Schach gehalten wurde. Hier ist kein Platz für Revolte. Statt dessen gibt es einen »Behandlungsauftrag« und natürlich Arbeit. Den Häftlingen stehen laut Prospekt der Anstalt elf Betriebe zur Verfügung, für die Freizeit hingegen moderne Hobbys wie das Theater, ermöglicht durch »Aufbruch«. Und dann und wann darf sogar das Junge Ensemble einen Gastauftritt geben.
Im Grunde also wie im echten Leben, wären da nicht die Mauern mit ihrem Widerhakensperrdraht. Wenn daher kommende Woche die öffentliche Aufführung stattfindet, ist es noch nicht sicher, ob den mitwirkenden Häftlingen überhaupt ein kurzer Kirchenbesuch gestattet wird. Zu wünschen wäre es, da zu den eindringlichsten Passagen der Aufführung diejenigen gehörten, in denen Häftlinge den von der Partitur mitunter vorgesehenen Sprecher übernahmen und auf diese Weise zum unverzichtbaren Teil der Inszenierung wurden.
→ »Tristia« von Philippe Hersant, 4.10., Parochialkirche, Klosterstr. 67, 10179 Berlin
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