Die Leichen der Vergangenheit
Rick Luperts Roman »Erinnern an uns« widmet sich der Frage nach dem Umgang mit kolonialer Geschichte
Im letzten großen Interview, wenige Tage vor seinem Tod im Juli 2003, fragte der mexikanische Playboy Roberto Bolaño, was er denn gern geworden wäre, wenn nicht Autor. Ulkige Frage an einen, der lange Zeit nur feierabends schreiben konnte, weil das Geld nicht reichte. Aber jedenfalls Bolaño darauf: »Ich wäre gern ein Detektiv geworden, der Morde aufklärt, viel lieber als Schriftsteller. Da bin ich mir absolut sicher. Ein Polizist, der Morde aufklärt, einer, der ganz allein, des Nachts, an den Ort des Verbrechens zurückkehrt und keine Angst vor Gespenstern hat. Vielleicht wäre ich dann wirklich verrückt geworden, aber für den Polizisten gibt es da immer die Lösung, sich eine Kugel ins Maul zu schießen.«
Keine Detektivin, aber hauptberuflich mit Leichen und dem Aufklären von Todesursachen beschäftigt, ist Susanne Knecht. Die Hauptfigur in Rick Luperts Roman »Erinnern an uns« ist Forensikerin – und wenn sie in der fiktiven Stadt Neuwien wochenends feiern gehen kann und sich sogar eine zum Aufreißen findet, dann ist sie damit grundsätzlich einverstanden. Wie bereits im vor zwei Jahren erschienenen Romandebüt des 2001 geborenen Wieners, »Der schlimmste Feind«, ist die Welt auch hier eine, in der die Österreichisch-Ungarische Monarchie Kolonialmacht war. Der geglückte Aufstand – man denke an die Antilleninsel Hispaniola, auf der sich Haiti und die Dominikanische Republik befinden – führte zur Bildung zweier Staaten (Meerland und Osat) auf der erdachten Insel, zu Ungleichheit, neokolonialer Abhängigkeit, rassistischer Kontinuitäten und Narrationskonflikten, wenn es darum geht, wer mit welcher aufgesetzten Brille und mit welchen Interessen dahinter festhält, wie es denn wirklich so gekommen sei, wie es nunmal eben sei.
Vor allem mit der Geschichtsschreibung und der Frage, welche politischen Konsequenzen aus ihr zu erwachsen haben, überträgt Lupert mit »Erinnern an uns« das diskursive Sittenbild der Gegenwart in den Roman: Die Insel – selbst rahmende Erzählstimme und handelndes Subjekt – spuckt immer mehr Leichen aus, die Jahrzehnte zuvor im Bürgerkrieg verbuddelt wurden. Die schiere Masse der durchweg indigenen Opfer sorgt dafür, dass irgendwann auch öffentlich das Wort »Genozid« in den Mund genommen werden muss, wo sich bislang brav ausgeschwiegen wurde. Kaum obduziert und klare Beweise für brutale Morde und Vergewaltigungen ausgemacht, lagern die Toten in den Kühlfächern der Leichenhallen so flugs, wie sie an die Oberfläche getreten sind.
Knecht, eigentlich hardboiled, lassen diese Toten nicht mehr los, zumal auch ihre Eltern auf dem Acker ihrer Farm auf solche stoßen – Zeichen der Schuld. In Anbetracht zunehmender Proteste und der Polizeigewalt, mit der diese erstickt werden sollen, wird der von den Geistern der Vergangenheit heimgesuchten Knecht klar: »Sie hat noch nie solche Gewalt aus nächster Nähe beobachtet. Immer nur tote Opfer gesehen.« Die vollendete Gewalt ist erträglicher, weil hier kein Eingriff mehr möglich ist. Wer aber nicht vollends verdrossen oder Parteigänger der Unterdrückung geworden ist, der muss mit dem eigenen Gewissen umgehen, wenn man zuschaut, und nicht interveniert.
Dann aber greift die Verdrängung: »Du und ihr alle hattet sämtliche Informationen, die ihr gebraucht hättet, um die Ausmaße zu begreifen. Ihr wusstet, dass ihr auf gestohlenem Land lebt«, sagt Susanne Knechts Adoptivschwester Nyawĩra, eine verschleppte Indigene, die wenig Gratisempathie für die von Gewissensbissen Geplagte übrig hat. Dass aus Kenntnis aber nicht zwingend eine Handlung entspringt, weiß man nicht erst, seit Billie Eilish im Februar dieses Jahres während der Grammy-Verleihung die staatlichen Menschenjagden von linksliberaler Warte her anprangerte, mit dem Hinweis, dass es keine Illegalen auf gestohlenem Land geben kann, und damit jenen Munition gab, die anschließend zu ihrer Villa tingelten, um zu fragen, wann sie vorhabe, diese samt Grundstück an Native Americans abzutreten.
Lupert sei »in der Auseinandersetzung mit Literatur über Morde, Massaker, Kriegsverbrechen, Kolonialismus und Genozide« stark intertextuell vorgegangen, wie er dem Roman anfügt. Er habe »Passagen fast Wort für Wort abgeschrieben, neu angeordnet, umgeschrieben, zitiert«. Zu den Werken, die er anschließend aufführt, zählen unter anderem Elfriede Jelineks »Die Kinder der Toten« sowie »Rechnitz (Der Würgeengel)«, »2666« von Bolaño und »Menschenwerk« von Hang Kang sowie deren »Unmöglicher Abschied«. Keine Ahnung, wer sich daran nicht verheben mag, zumal mit einem Roman, der keiner ist, »in dem unvorhergesehene Hindernisse auf den Straßen lauern«, aber dafür sehr viel Vorhersehbares und Nächstliegendes samt dazugehöriger Bildersprache steckt (»Wie ein aus langem Schlaf erwachtes Ungeheuer reckt es sich in ihrer Magengegend Richtung Brustkorb und schüttelt drohend seinen hässlichen Kopf«). Es entsteht der Eindruck, dass der schlau gesponnenen Fiktion mehr an Friktionen, Nuancen und Zwischentönen hätte abgerungen werden können, um an mehr zu rütteln, als der Moral. Zwischen all den tödlichen Wunden tauchen soziale Haarrisse selten auf, auch wenn eine in kolonialen Verhältnissen aufgebaute Klassengesellschaft von diesen wie jenen geprägt ist.
Einzig am unerwidert verliebten Otto-Normal-Bullen Jaromir Nowak werden sie detaillierter bis zum Paraessayistischen durchexerziert. Nowak ist einer, den die »schmerzhafte Erektion« nicht davon abhält, sich doch als »einer der angenehmeren Kunden« einer indigenen Prostituierten zu verhalten, als wäre der pochende Ständer ein medizinischer Notfall und sich als Freier nicht wie ein Arschloch zu verhalten eine lobenswerte Leistung. Aber so denken die nun mal, die sich als grundanständig sehen, es aber höchstens partiell sind. Und das ist kein kleiner Teil der Menschheit.
Ein Hinweis darauf, dass »Erinnern an uns« mehr Potential geborgen hätte, gibt die intertextuelle Verfahrensweise selbst, die als bewusste Fremdaneignung der antikolonialen Haltung, die der Roman vermittelt, nur auf der Oberfläche zuwiderläuft, sie als Arbeit am und mit dem humanistischen Erbe eigentlich aber unterstreicht, statt dass man sich, an der Leichenstapelei der Menschheitsgeschichte verrückt geworden, die Kugel gibt.
→ Rick Lupert: Erinnern an uns. Verlag Rotscheibe, Leipzig 2026, 240 Seiten, 19 Euro
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