Wenn nichts mehr geht
Gute Laune: Electric Callboys Spaßmetalcorealbum »Tanzneid«
Schlimm genug, wenn nichts mehr geht. Aber dann geht plötzlich alles, alles, was nicht mehr geht. Was der Mensch zur Selbstergötzung herzustellen vermag, hat Grenzen, an die er noch nicht stoßen konnte. Zu diesen Genussmitteln aber gehört mit dem Heavy Metal eine Subspezies des Pop, deren Endlichkeit sich jetzt schon abzeichnet: Das Klampfen und Trommeln, Trällern und Grunzen ist an die Fähigkeiten derer gebunden, die die Instrumente bedienen. Da kann die KI sich einen aus der Dose leiern, aber generierte Musik wie die von Broken Avenue ist dazu verdammt, gänzlich aus menschlicher Arbeit zu bestehen.
Manchmal künstlerisch, oft künstlich, versuchte sich der Metal aus der Misere zu ziehen, wenn einmal die Felle davonschwimmen sollten und der Neuigkeitswert von anderen kam; dazu gehörte Anthrax’ Kokettieren mit dem HipHop bereits in der zweiten Hälfte der 80er, kurz bevor Metal und Rap als Crossover und später Nu Metal miteinander versöhnt wurden.
Electric Callboy wiederum sind der Versuch, eine Welt zu vertonen, in der Versöhnung nicht nötig ist, weil sie aus Klemmbausteinen besteht: 2010 in Castrop-Rauxel gegründet, klatscht man seitdem halb blind vor Augenzwinkern Dorfdiscotechno mit Metalcore zusammen. Muss passen. Spaßmetal ist ein Ding der sonst im Keller schmunzelnden Deutschen: Tankard bringen den Sauf-Thrash, Milking the Goatmachine machen mit Grindcore Ulk, und Callejon verballhornen den Bandnamen der holländischen Hardcoretruppe Born From Pain, um den »Porn from Spain« zu preisen.
Zeitphänomen Electric Callboy sind nunmehr deutscher Exportschlager, der sich trefflich vor fünf Jahren umbenannte, weil man nicht mehr mit dem alten Bandnamen Eskimo Callboy diskriminieren wollte. Auf dem siebten Album »Tanzneid« wird – nebst Rammstein-Anleihen (»Tanzneid«), Backstreet-Boys-Pastiches (»The Way You Are«) und allerlei sonstiger Albernheiten, die das Bierzelt zum Kochen bringen sollen – dafür mit der japanischen Kawaiimetalband Babymetal der Gute-Laune-Song zur Panzerfahrt gen Fronteinsatz neu ausgeliefert: »RATATATA« wurde bereits 2024 veröffentlicht. »My body is a weapon / My body is a weapon / (Ra-ta-ta-ta-ta-ta) We’re gonna hit the floor / (Ra-ta-ta-ta-ta-ta) We’re gonna make it happen / (Ra-ta-ta-ta-ta-ta) Now gimme some more!« Wenn nichts mehr geht, geht es immer noch schlimmer.
→ Electric Callboy: »Tanzneid« (Century Media)
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