Zeit der Unschuld
Valeska Grisebach macht alle sieben, acht Jahre einen Film: »Das geträumte Abenteuer« ist ihr insgesamt vierter und großartig wie immer
In einem alten weißen Passat geht die Fahrt von den Rhodopen über holprige Gebirgsstraßen in die bulgarische Kleinstadt Swilengrad. Hier im Grenzgebiet zur Türkei und zu Griechenland will Said (Syuleyman Letifov), der unterwegs raucht, Kaffee trinkt und telefoniert, ein krummes Geschäft mit geschmuggeltem Benzin abwickeln. Doch sein zwielichtiger Kontaktmann, den alle »der Rabe« nennen, lässt auf sich warten, während Said durch die Straßen streift und nach ihm fragt. Der ruhige, konzentrierte und in seiner ausbalanciert straffen Körperlicheit eine innere Stärke und Unabhängigkeit ausstrahlende Fremde, dem man schon bald das Auto klaut, ist hier allerdings nur scheinbar fremd, denn er kennt den Ort noch von früher. Als er anderntags auf der Straße seine frühere Freundin Veska (Yana Radewa) trifft, die als Archäologin Ausgrabungen an der mittelalterlichen Festung nahe Matochina leitet, spürt man sofort eine herzliche Vertrautheit zwischen ihnen. Spontan schließt sich Said der starken, unabhängig wirkenden Frau an. Gemeinsam gleiten ihre Blicke über die weite, ruhige Landschaft.
Doch am nächsten Morgen ist Said verschwunden und Veska macht sich auf die Suche nach ihm. Valeska Grisebachs preisgekrönter vierter Spielfilm »Das geträumte Abenteuer«, der mit einem dokumentarischen Realismus, mit Laienspielern und einem dezidiert subjektiven weiblichen Blick gängige Genreelemente hinterfragt und zuweilen konterkariert, wechselt deshalb die Perspektive. Dabei unterwandert die renommierte Regisseurin auch vorgezeichnete dramatische Plotstrukturen, erzeugt aber trotz einer vermeintlich fehlenden erzählerischen Zielrichtung eine untergründige Spannung. Diese lebt gerade von Andeutungen, Auslassungen und offenen Enden sowie vom Unausgesprochenen, das vor allem in den vielen Dialogszenen von Misstrauen begleitet wird. Immer gibt es eine Spannung zwischen dem Eigentlichen und dem Uneigentlichen, während Veska auf ihrer Suche in diversen geselligen Runden vorsichtig und behutsam Milieus erkundet und dabei auch in die örtlichen kriminellen Machenschaften und Machtkämpfe eintaucht.
In deren Mittelpunkt steht der mächtige Pate Iliya (Stoicho Kostadinov), der skrupellos seine Interessen verfolgt und der auch politischen Einfluss ausübt. Unerschrocken, kämpferisch und sehr bestimmt mischt sich Veska ein und legt sich mit dem zu einigem Wohlstand gekommenen Verbrecher, den sie von früher kennt, an. Auch hier vermeidet Valeska Grisebach erzählerische Klischees und erwartbare Lösungen. Statt dessen entwickelt sie gegen die Genrekonvention das Porträt einer autonomen, widerständigen Frau, die mit feinem Sensorium für fast unmerkliche Zwischentöne Geschlechterrollen subtil hinterfragt, gesellschaftliche Machtverhältnisse sichtbar macht und sich gegen männliche Dominanz stellt. Diese bezieht ihre angebliche Legitimation aus den Geschichten über die kriminelle Nachwendezeit der 90er Jahre, von Iliya als »Zeit der Männer« apostrophiert und entsprechend von einem Mythos furchtloser Stärke umwabert. Die Grenzregion wird dabei zu einer Projektionsfläche für Freiheit, Abenteuer und Gesetzlosigkeit. Veska, die sagt, man habe immer eine Wahl, nutzt dieses Setting für sich und gegen die Konventionen, um empathisch und zugewandt Solidarität, Freundschaft und weibliches Begehren zu verteidigen.
→ »Das geträumte Abenteuer«, Regie: Valeska Grisebach, BRD/Frankreich/Bulgarien/Österreich 2026, 167 Min., bereits angelaufen
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
