Warum wurde es nach den Protesten unpolitischer?
Das Aufbegehren der studentischen Jugend von 1960 hat Japan verändert, berichtet Kato Tokiko
Vor 55 Jahren ging in Japan eine Ära zu Ende, die Sie tief geprägt hat. Die Protestbewegung unter Führung der Studenten zersplitterte und begann, sich zu radikalisieren, wodurch sie jeglichen Rückhalt in der Bevölkerung verlor. Wie erinnern Sie sich an die Zeit damals?
Ich würde lieber ein anderes Jahr in den Fokus stellen – 1969. Die Sechzigerjahre waren vor allem ein Kampf um Frieden. Der schien durch die Sicherheitsbeziehungen zu den USA bedroht. Der neu ausgearbeitete Pakt von 1960 löste die größte Protestwelle in der Geschichte Japans aus. Die Friedensbewegung verlor die Schlacht, doch sie wusste, dass es zehn Jahre später nochmals eine Chance geben würde. Bis zum Juni 1969 hatte Japan die Gelegenheit, die automatische Verlängerung zu verhindern. Auch deshalb intensivierten die Studenten im Sommer 1968 ihre Proteste, Universitäten wurden besetzt. Anfang 1969 begann die Niederschlagung. Das brach uns das Genick.
Sie gelten als eine Liedermacherin, die die emotionale Stimmung dieser turbulenten Jahre immer wieder treffend in ihren Texten verdichtet. Sie selbst waren damals an der Tokio-Universität, dem Zentrum der Studentenproteste. Wie beeinflusste das Ihre Musik?
Meine Lieder sind nicht agitatorisch. Ich möchte verbinden, nicht trennen. Auch die Polizisten, die die Proteste niederschlugen, waren Opfer der Politik. 1987 schrieb ich ein Lied, das von den Träumen jener Zeit handelt und ihrem Ende. Es ist ein ewiges Thema: der Kampf für Frieden und sein Scheitern. Der Krieg hört nie auf.
Die irrsinnige Seite der Menschheit.
Trotzdem lohnt es sich, weiter zu kämpfen. Die Proteste von 1960 haben Japan verändert. Sie gelten als Modell für spätere zivilgesellschaftliche Auseinandersetzungen. 1992 hat Miyazaki Hayao das Lied als Abspannmelodie in seinen Animefilm »Porco Rosso« aufgenommen. Mein Text spiegelt sich in der Geschichte der Hauptfigur Rosso, der durch den Ersten Weltkrieg desillusioniert wurde. Außerdem habe ich meine Stimme der Figur von Madame Gina gegeben. Sie singt das Lied »Le temps des cerises« (»Die Zeit der Kirschen«, jW), das während der Pariser Kommune von 1871 die revolutionären Hoffnungen, aber auch ihren Niedergang symbolisierte. Auch hier geht es also um Träume, die schlussendlich scheitern.
Der sogenannte Protestfolk spielte in der Studentenbewegung eine prominente Rolle. Das Lied »Tomo Yo« von Okabayashi Nobuyasu hatte den Status einer Hymne und wurde von der neuen Linken auf Demonstrationen und während Straßenschlachten mit der Polizei gesungen. Warum wurde es danach unpolitischer?
Es war ein anderes Lebensgefühl. Die Folkmusiker, die in den Siebzigern populär wurden, wollten den Kollektivismus hinter sich lassen. Leute wie Yoshida Takuro stellten sich selbst und ihre persönlichen Probleme ins Zentrum ihrer Lieder. Dies scheint mir eine wichtige Entwicklung für Japan gewesen zu sein, nicht nur auf der musikalischen Ebene. Es hat aber auch ein weites Feld für die nachfolgende Popkultur eröffnet, die sehr erfolgreich werden sollte.
Auch in Ihrem künstlerischen und gesellschaftlichen Leben scheint die persönliche Freiheit eine wichtige Rolle zu spielen, oder?
Da haben Sie recht. Ich sehe mich als Anarchistin in der Tradition der Pariser Kommune, die stark von anarchistischen Ideen geprägt war. Außerdem habe ich in meiner Jugend Sartre und de Beauvoir gelesen. Frankreich und der Existentialismus haben mich stark beeinflusst. Freiheit und Ehrlichkeit heißen dabei die zentralen Eckpunkte. Deshalb versuche ich stets, mit dem Herzen zu sprechen und die Dinge beim Namen zu nennen, ohne Rücksicht auf die politische Gemengelage. Leider ist dies in Japan nicht der Normalfall. Die Ambiguität ist eine wichtige Facette unserer Mentalität.
Kato Tokiko gilt als prominenteste Vertreterin einer kleinen Zahl von japanischen Künstlern, die auch das soziale Engagement und den Aktivismus als ihre Lebensaufgabe ansehen. Sie mischt sich immer wieder in öffentliche Debatten ein, wenn Friede oder Umwelt bedroht sind. Ihr 2002 verstorbener Mann war der bekannte Studentenführer Fujimoto Toshio. Sie heirateten 1972, als er im Gefängnis saß
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