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Literatur

Der Biss als Kontaktaufnahme

»Der mit den Büchern«: Clemens J. Setz’ neuer Erzählband »Mein Leben als Noiseband«

Foto: Manfred Segerer/IMAGO
Lichtblicke der Erzählkunst: Büchner-Preisträger Clemens J. Setz

Endlich sagt’s mal einer: »In unserer Phantasie, das heißt im Internet, gibt es fast nur entsetzliche Orte.« Und die sind nicht auf jenes Abteil des World Wide Web beschränkt, das nur durch den Tor-Browser betreten sollte, wer anderntags keine ungebetenen Staatsbesuch empfangen möchte. Der Ekel, den zwei Mädchen mit einem Becher auslösen, das Grauen, das wir schauen, wenn der selbsternannte »Islamische Staat« vor laufender Kamera Menschen enthauptet, ist stark daran gebunden, zu sehen, was mit anderer Leute Körper passiert, derweil man im eigenen steckt.

An den vielseitig ausstrahlenden Körperhorrornerv rührt Clemens J. Setz sichtlich gern: Der Büchner-Preisträger aus Graz fährt mit »Mein Leben als Noiseband« neuerlich Kurzprosa der Grausamkeit auf. In »Der Mylar-Komplex«, der Geschichte, aus der bereits zitiert worden ist, ist der eigentliche Josef Fritzl verschwunden und hat Opfer und vor allem seinen Handlanger der Öffentlichkeit überlassen: »Ein Bub aus dem steirischen Dorf Reimegg an der Lassnitz hat offenbar drei Jahre lang, ohne es zu wissen, sechs gewaltsam in einer nahe einem Feld gelegenen kreisrunden Anlage gefangengehaltene Männer gepflegt«, heißt es im vorangestellten Zeitungsartikel, der der Story gleichsam ihre fiktive Vorgeschichte gibt. »Er soll seit drei Jahren jeden Morgen zu jener Anlage gegangen sein, in der die sechs schwer geistig und körperlich behinderten Männer gehalten wurden. Anfangs habe er von dem Betreiber der Anlage noch Geld für seine Pflegearbeit bekommen, gab der Junge an, aber schon seit mehr als einem Jahr sei der Mann abgängig, und es seien keinerlei Zahlungen mehr erfolgt. Der Junge habe aber ›einfach weitergemacht‹ und auf eigene Faust weiterhin Nahrung und Zuwendung bereitgestellt, weil er, wie er bei der Befragung zugab, sich um das Wohlergehen der Männer gesorgt habe.«

Die Handlung setzt Jahre später ein: Der Ich-Erzähler, der eines der Opfer in Pflege nahm, besucht den nunmehr erwachsenen »Mylar Boy«, Ulrich Lukaschek, und dessen Familie. Es ist, als käme der Adoptivvater zum Erzeuger, der damals noch zu jung war, und heute ein liebevolles, nach außen hin mit sich im Reinen befindliches Elternteil gibt. Letzterer habe versucht, Kontakt zu jenen aufzunehmen, für die er sich als 15jähriger auf vertrackte Art als Obhutsperson wähnte, eigentlich aber deren Gefängniswärter war, ausgerechnet in einer Rotunde, wo wir doch durch Setz selbst vom »Trost runder Dinge« (2019) wissen: »Ich habe wirklich versucht, so viel wie möglich. Aber erst, wie ich achtzehn war, haben die mich überhaupt vorgelassen und angehört. Die Ämter sind da eiskalt. Gnadenlos.« Die Ämter, behördliches Über-Ich und bürokratischer Türhüter zugleich; Tintenkuli einer automatisierten Macht, wie sie Lukaschek als juveniler Komplize selbst darstellte, aber in klein.

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Setz’ Figuren durchblicken meist einen Verblendungszusammenhang, während sie es sich in einem anderen gemütlich machen. In »Der Mann im Beißanzug« etwa taucht ein Schriftsteller namens Clemens J. Setz auf, fast, aber eben nicht ganz identisch mit dem ihn schreibenden Autor. Von Beziehungen enttäuscht und mit dem Leben als Vollzeitautor hadernd, lässt er sich von einer Kampfhundeschule anstellen und in einen Anzug stecken, an dem angehende Wachhunde den Kampf trainieren sollen: »Gebiss vs. Mensch. Ich als schwerfällige Vogelscheuche, die den jungen Kerlen den Weg in die Zukunft wies, in ein Leben aus Verantwortung und Kompetenz.« Als er sich überwindet und seiner Exfreundin die Hilfe beim Umzug versagt, muss er sich nachher zur Kontaktaufnahme mit sich selbst sanft in den Finger beißen. »Ich war sehr froh, nicht mehr der sich quälende, verschlossene Clemens Setz von früher zu sein, der mit den Büchern. Nein, ich war jetzt der Mann im Beißanzug. Und ich blieb es auch, freudvoll und ernsthaft, bis zu meiner Erlösung.« Wie die Erlösung aussieht, ist unklar. Sicher ist nur, dass sie noch auf sich warten lässt.

Die Erlösung in der den Titel spendierenden Geschichte in »Mein Leben als Noiseband« ist die erwartbare: Von einem Linzer Musiklabel verschmäht, wird Pauls Erwartung an das Publikum seines Projekts »Cunt Suck My Corpse« fortwährend bestätigt, weil er nicht verstanden würde. Als blasierter Szeneheini von der Stange will er das natürlich auch nicht, weil es sonst bedeuten würde, dass er zur Menschheit dazugehört, also einer von vielen ist, nur halt ein Spätzünder, der Pennälerlyrik mit Krach macht und sich auf den Leib die Spuren hat eintätowieren lassen, die der 1991 entdeckte »Ötzi« aufwies. Durch letzteres hat er sich vielleicht genau das längst eingestanden, ehe er sich in Annika verknallt und sich dabei wie der Allererste seiner Spezies aufführt. Aber genau solche Beziehungen halten ungesund lang und führen zu einem Nachwuchs, der sich die monomanischen Impulsreferate zu Papas Spezialthema anhören und letztlich übernehmen muss.

Clemens J. Setz gelingt es mit »Mein Leben als Noiseband« zu gut, sich ein Sujet zu wählen, das seinem in der Struktur modernistisch-realistischen, auf der Mikroebene assoziativ-avantgardistischen Schreiben entspricht. Es scheint, als schließe das in allen Erzählungen des Bands verhandelte Gefangensein den Autor selbst mit ein. Trotzdem gehören die von Setz verfassten Geschichten zu jenen wenigen lichten Stellen, die die deutsche Gegenwartsliteratur aufzuweisen hat.

→ Clemens J. Setz: Mein Leben als Noiseband. Erzählungen. Suhrkamp-Verlag. Hamburg 2026, 386 Seiten, 26 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.08.2026, Seite 11, Feuilleton

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